Eine für alle, alles für eines

Selma Heytveldt und Greenpeace

Informationsseite - 9. August, 2008
Sie hatte kein leichtes Schicksal und hat trotzdem immer wieder an die anderen zuerst gedacht. Jetzt hat die 60-jährige Holländerin Selma Heytveldt Greenpeace ihr ganzes Hab und Gut vermacht. Weil sie dazu beitragen will, dass die kommenden Generationen in einer intakten Umwelt leben können.

Selma Heytfeldt

Selma Heytveldt ist eine zierliche und sehr temperamentvolle Frau. Im Mai dieses Jahres ist sie 60 Jahre alt geworden. Kurz darauf hat sie geheiratet — zum ersten Mal in ihrem Leben. Ihr Freund Edi hatte ihr nach zwölf Jahren Bekanntschaft einen Heiratsantrag gemacht.

Ich begegnete Selma 1997 zum ersten Mal, als sie den Greenpeace Vortrag «Die Antarktis schmilzt» besuchte. Heute sagt sie, dass sie sich damals nicht nur für den Vortrag interessierte, sondern vor allem auch die Menschen hinter Greenpeace kennen lernen wollte. Denn zu jener Zeit machte sie sich die ersten Gedanken über ihr Testament. Diese erste Begegnung sollte Folgen haben.

Warum gerade Greenpeace?
Einige Woche nach dem Vortrag hörten wir erneut von ihr. Sie teilte uns mit, dass sie Greenpeace 100 000 Franken vermachen wolle. Diese grosszügige Geste veranlasste uns, Selma nach Zürich einzuladen. Ein halbes Jahr später teilte sie uns mit, dass wir auch die Begünstigten für ihre Lebensversicherung im Werte von 100 000 Franken sein würden. Doch damit nicht genug. Nochmals ein Jahr später schickte uns Selma eine Kopie ihres definitiven Testamentes, welches besagt, dass sie ihr ganzes Hab und Gut Greenpeace vermacht.

Warum gerade Greenpeace? Selma muss nicht lange überlegen: «Weil Greenpeace mit Herz und Seele für die Umwelt kämpft, und weil ich die mutigen Aktionen bewundere – dass beispielsweise Aktivisten bereit sind, eine Nacht lang an einer Schiene angekettet zu sein, anstatt zu Hause im weichen Bett zu liegen.»

Der Raubbau an der Natur ist etwas, das Selma wütend macht. Sie macht sich grosse Sorgen um die kommenden Generationen, die in Zukunft mit dem von uns zurückgelassenen Müll leben müssen. «Man kann nicht unbegrenzt aus der Natur schöpfen und nichts zurückgeben», sagt sie.

Selma wurde 1940 im holländischen Vorburg geboren. Ihr Vater war Staatsökonom, ihre Mutter lehrte Eurythmie, den anthroposophischen Bewegungs- und Ausdruckstanz. Zusammen mit zwei Geschwistern wuchs sie in einem Elternhaus auf, in dem Respekt für Mensch und Natur sowie Sinn für Gerechtigkeit als zentrale Werte vermittelt wurden. Wenn Selma nach Hause kam, warteten am Gartentor an die zwanzig Tiere auf sie – Hund, Hühner, Hasen und Meerschweinchen, darunter auch Tiere, die niemand mehr haben wollte.

Obwohl ihre Kindheit vom zweiten Weltkrieg überschattet wurde, erinnert sie sich gerne daran. Vor allem an die Zeit, als sie und ihre Familie in einer riesigen alten Villa auf dem Land Unterschlupf fanden. Die Villa verfügte über viele Zimmer, in denen jeweils eine mehrköpfige Familie untergebracht war. Man lebte auf engstem Raum, schlief in der Küche – und trotzdem waren die Leute zufrieden. Selma spielte im grossen Park und am nahe gelegenen Fluss und war froh, dass sie nicht mehr durch Bombenalarm aufgeschreckt wurde.

Die Familie Heytveldt sollte nie mehr in das eigene Haus zurückkehren. Bei der Bombardierung Rotterdams wurde es völlig zerstört. Selmas neunzigjährige Mutter lebt heute noch in Rotterdam; auch sie unterstützt Greenpeace regelmässig

Helfen als Lebensaufgabe
Schon als Kind wusste Selma Heytveldt, dass sie sich später für andere einsetzen und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen wollte. Nach dem Kinderpsychologie-Studium entschloss sie sich deshalb, Krankenschwester zu werden. Als ihr dann mit 25 Jahren eine Hirnhautentzündung diagnostiziert wurde, musste sie ihren Beruf von einem Tag auf den anderen aufgeben. Die Ärzte gaben ihr noch zwei Wochen. Selma aber überlebte – mit dem gleichen eisernen Lebenswillen, den sie heute noch hat.

Die lange Krankheit hatte ihre Gesundheit geschwächt. Ein Arzt schickte sie deshalb zur Erholung in die Berge. So kam Selma als junge Frau in die Schweiz. Mit ihrer bescheidenen IV-Rente aus Holland lebte sie bis vor drei Jahren in Weggis. Selma: «Die Krankheit, aber auch ein paar Enttäuschungen, die ich erleben musste, haben mich stark und bewusster gemacht.» 17 Jahre lang führte sie in der Zentralschweiz einen Kinderhort, ohne je Lohn zu verlangen – sie hatte ja ihre Rente. Als sie dann wegen eines Unfalls ein Erholungsheim aufsuchen musste, hielt es niemand für nötig, sie dort zu besuchen. Soviel zum Kapitel Kinderhort.

Heute lebt Selma Heytveldt im Tessin. Ein Inserat in der Coopzeitung hatte sie auf die Idee gebracht, in die Südschweiz zu ziehen. 1997 liess sie auf der Anhöhe von Malvaglia ein Rustico bauen – nach ökologischen Kriterien selbstverständlich. Malvaglia liegt in der Nähe von Biasca in einem Seitental, hat 1'200 Einwohner und den grössten Kirchturm des Tessins. Das bescheidene Eigenheim finanzierte Selma mit einer Hinterlassenschaft ihres Vaters und dem Inhalt von zwei Sparschweinen, die sie seit ihrer Kindheit immer wieder gefüttert hatte. Selma hat erfahren, dass man bescheiden leben und trotzdem glücklich sein kann. Sie verzichtet deshalb auf jeglichen Luxus. Sie ist noch nie in die Ferien gefahren, liest dafür umso leidenschaftlicher Reiseliteratur. Seit drei Jahren leben Selma, Edi und der letzte ihrer sechs Dackel in ihrem kleinen Paradies, umgeben von Feigen-, Quitten- und Nektarinenbäumen.

Ihrer Lebensaufgabe, anderen zu helfen, ist Selma bis heute treu geblieben. Sie pflegt den Kontakt zur Bevölkerung oder geht mit den Nachbarn auf Weinlese. Vor allem aber pflegt sie ihren Ehemann Edi, der an fortgeschrittener Parkinson-Krankheit leidet. «Wir zwei haben gesunde Jahre miteinander verbracht», sagt sie, «und deshalb halten wir weiterhin zusammen.» Edi, der pensionierte Elektrozeichner, unterstützt den Wunsch seiner Frau, Greenpeace als Alleinerbin einzusetzen und unterschrieb deshalb einen Erbverzichtsvertrag.

Wer Selma fragt, ob sie sich nicht zu stark aufopfere, erhält eine kurze Antwort: «Es ist eben kein Opfer, es ist eine Selbstverständlichkeit.» Nur eines wünscht sie sich: mit ihrer Geschichte andere zu inspirieren, ebenso grosszügig zu sein.

Artikel aus dem Greenpeace Magazin Schweiz 2008
 

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