Wichtige Fragen & ihre Antworten

Atomausstieg  
  • Wenn wir vom Ausstieg aus der Atomkraft reden, von welchem Zeithorizont sprechen wir da?

    Innert 15 bis 25 Jahren kann sich die Schweiz ohne Atomkraftwerke sicher, wirtschaftlich und umweltfreundlich mit Strom versorgen. Wir zeigen zwei mögliche Szenarien auf:
    Szenario 1 – Umstieg bis 2025
    Im priorisierten Szenario 1 kann der schweizerische Strombedarf im Jahr 2025 zu 100% mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Ökologisch und ökonomisch betrachtet, können rund 95% des Strombedarfs in der Schweiz produziert werden. Die übrigen 5% wären technisch problemlos realisierbar, sie bedingen jedoch entweder verschärfte Regulierungen bei der Effizienz oder erhöhte Kosten auf Seiten der Fotovoltaik. In einer Übergangszeit von fünf bis zehn Jahren könnten sie auch durch Importe von Solarenergie aus dem Süden oder Windenergie aus dem Norden gedeckt werden.
    Szenario 2 – Umstieg bis 2035 In Szenario 2 wird mit einem Umstieg auf eine erneuerbare Stromversorgung bis 2035 gerechnet. Das Szenario 2035 lässt sich ganz ohne Stromimporte realisieren. Im Jahr 2035 würde die Schweiz gar aus erneuerbaren Energien einen Stromüberschuss von rund 5 Terawattstunden * produzieren – hochwertiger Ökostrom, der zu guten Preisen exportiert werden kann.

Stromversorgung  
  • Wie sieht die Stromversorgung der Schweiz heute aus? Und woher soll der Strom 2025 kommen?

    Den Löwenanteil des heutigen Strommixes der Schweiz machen Wasserkraft (55%) und Atomenergie (39%) aus. Rund 4% des Stroms kommen aus Energiegewinnung durch fossile Stromproduktion. Lediglich 2% des Stroms stammen aus neuen erneuerbaren Energien wie Windkraft oder Fotovoltaik.

    Bis 2025 soll sich dieses Bild grundlegend ändern. Mit Abstand am meisten Wachstumspotenzial bietet die Solarenergie. Bis 2025 kann Strom von der Sonne 21% der Jahresstromproduktion decken.

    Und wer denkt, Abfall sei gleich Abfall, der kennt die Energie, die in der Biomasse steckt, nicht: Grünabfälle, Gülle, Mist und Faulschlamm aus Kläranlagen können zusammen mit Holz aus unseren Wäldern clever genutzt bis 11% unseres Bedarfs decken.

    Ein oft vergessenes, aber ebenfalls riesiges Potenzial birgt die Stromeffizienz. Also die Verringerung des Verbrauchs durch effiziente Geräte, Beleuchtungen, Anlagen etc. Dadurch lassen sich knapp 14 Terawattstunden (TWh) Strom einsparen. Für 2025 bedeutet dies, dass die Schweiz ihren Stromverbrauch um 14 TWh auf 58 TWh (statt 72 TWh) reduzieren kann.

Stromverbrauch  
  • Können erneuerbare Energien unseren wachsenden Stromverbrauch bis 2025 überhaupt vollständig decken?

    Es ist richtig, dass mit dem Umbau auf eine CO2-freie Gesellschaft die Bedeutung des Stroms immer wichtiger wird. Etwa für effiziente Heizsysteme wie Wärmepumpen oder für die Elektromobilität. Im Szenario 2025 wird denn auch ohne Effizienzmassnahmen ein Anstieg des Strombedarfs von heute rund 60 Terawattstunden (TWh) um rund 12 TWh prognostiziert. Gleichzeitig reduziert sich das Stromangebot insbesondere durch den Wegfall der AKW um rund 24 TWh. Zusammen macht dies 36 TWh, die zusätzlich aus erneuerbaren Quellen respektive durch Effizienzverbesserungen gedeckt werden müssen. Gemäss Szenario 1 ist dies bis 2025 wie folgt realisierbar: • Knapp 20 TWh werden durch den Zubau von neuen erneuerbaren Energiequellen gedeckt, d.h. Fotovoltaik, Biomasse, Windkraft, Geothermie und Wasserkraft. • Knapp 14 TWh werden durch Stromeffizienz «weggespart» – d.h. erst gar nicht verbraucht. • Rund 3 TWh werden entweder durch Importe von Strom aus erneuerbaren Quellen, durch erhöhte Effizienzanstrengungen oder dezentrale Wärmekraftkoppelung gedeckt.

  • Unser Stromverbrauch steigt kontinuierlich. Muss das denn sein?

    Nein, das muss nicht sein. In der Schweiz verschwenden wir so viel Energie, wie sechs Atomkraftwerke vom Typ Mühleberg produzieren. Das entspricht rund einem Drittel unseres gesamten Stromverbrauchs. Stromfressende Elektroheizungen und Elektroboiler, ineffiziente Industriemotoren, Glühbirnen, Standby-Geräte usw. Sie alle brauchen viel mehr Energie als notwendig und belasten dafür nicht nur die Umwelt, sondern auch das Portemonnaie. Denn gesamtschweizerisch verschwenden wir jährlich Strom im Wert von rund 3,6 Milliarden Franken. Der beste und günstigste Strom ist der, den wir erst gar nicht verbrauchen. Kalifornien z.B. hat das schon in den 1970er Jahren erkannt und Massnahmen zur Steigerung der Stromeffizienz umgesetzt – und der Verbrauch ist trotz zunehmender Bevölkerung und Elektroanwendungen nicht gewachsen.

Landschaftsschutz  
  • Bedeutet der Umstieg auf 100% erneuerbare Energien Tausende von Windrädern, riesige Solaranlagen in der Landschaft und Staumauern in jedem Bach?

    Unsere Landschaft widerspiegelt die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Die Zunahme der Bevölkerung, aber auch unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten hatten in den letzten Jahrzehnten einen grossen Einfluss auf die Landschaftsentwicklung: Die Vielfalt der Landschaft hat abgenommen und die Zersiedelung hält an. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien muss deshalb zu Natur und Umwelt Sorge getragen werden. Die Szenarien berücksichtigen die Aspekte des Landschaftsschutzes und der Naturverträglichkeit. Mit den in den Szenarien vorgeschlagenen Massnahmen ist weder das ökologische, geschweige denn das technische Potenzial ausgeschöpft. So prognostiziert das Szenario 2025 den Anteil von Strom aus Windkraft lediglich auf 2,5%. Diese Zahl berücksichtigt Anlagen, die an natur- und landschaftsschutzverträglichen Orten gebaut werden können. Der Fotovoltaik wird bei den neuen erneuerbaren Energien das grösste Potenzial zugeschrieben. Ob Dächer, überdeckte Parkplätze, Strassen- und Lawinenverbauungen – in der Schweiz stehen genügend Flächen für den Zubau zur Verfügung. Mit der Nutzung von rund der Hälfte der gut brauchbaren Dachflächen können 21% des Strombedarfs gedeckt werden.

Versorgungssicherheit  
  • Bis 2025 sollen also knapp 25% des Stroms von Wind und Sonne kommen. Und was, wenn das Wetter mal nicht mitspielt?

    Der Sonne und dem Wind kann niemand den Hahn zudrehen – ganz im Gegensatz zu den Gaslieferungen, die einfach gestoppt werden können. Dafür fällt Solarstrom nur dann an, wenn es Sonnenlicht gibt. Und Windstrom gibt es nur, wenn der Wind bläst. Trotzdem gehen uns bei Flaute oder nachts nicht die Lichter aus. Denn die Schweiz hat einen enormen Vorteil: Sie ist durch ihre Berge geradezu prädestiniert für die Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser. Grund: Unsere Stauseen und Pumpspeicherwerke sind riesige «Batterien», die flexibel für den Ausgleich eingesetzt werden können. Bei einer Überproduktion von Sonnenoder Windstrom wird Wasser in die Stauseen gepumpt. Bei Flaute oder nachts wird das Wasser wieder verstromt. Die gesamte Kapazität der Schweizer Speicherseen reicht rechnerisch für die Überbrückung von bis zu 85 sonnenlosen Tagen. Damit lässt sich eine lückenlose Versorgung problemlos sichern. Neben der cleveren Nutzung unserer Stauseen gibt es weitere Möglichkeiten, die sicherstellen, dass die Lichter an bleiben: Die gezielte Steigerung der Stromeffizienz, die intelligente Abstimmung von Produktion und Verbrauch (Lastmanagement), der natürliche Ausgleich unter den erneuerbaren Energien über grössere geographische Räume sowie die Nutzung dezentraler Speichertechnologien wie Druckluft, Batterien und neue Speicherkonzepte – hier ist eine rasante Entwicklung im Gang.

Wirtschaftliches  
  • Ist der Umbau auf 100% Erneuerbar nicht eine enorme Belastung für die Wirtschaft? Wären grosse Gaskombikraftwerke billiger?

    Im Gegenteil. Die Wirtschaft profitiert. Die Ressourcen für die erneuerbaren Energien liegen bei uns vor der Haustür und müssen nicht importiert werden. Die Investitionen in die erneuerbare Energie und in Effizienz schaffen Aufträge für das heimische Gewerbe, bringen Arbeitsplätze, liefern Strom oder sparen Stromkosten. Zieht man die Erträge von den notwendigen Investitionskosten ab, ergeben sich für das Szenario 2025 volkswirtschaftliche Gesamtkosten von rund 4,2 Milliarden Franken. Darin noch nicht eingerechnet sind indirekte positive Effekte, wie etwa die Steigerung der Innovationskraft. Diese ist gemäss einer Studie von McKinsey ein enormer volkswirtschaftlicher Gewinn. Neue grosse Gaskombikraftwerke (oder gar neue AKW) kämen die Schweiz mindestens doppelt so teuer zu stehen, würden die Abhängigkeit vom Ausland massiv erhöhen und sämtlichen Klimaschutzbemühungen zuwiderlaufen. Im Stern-Report zu den Kosten des Klimawandels steht es klipp und klar: Wenn wir jetzt den Klimaschutz nicht ernst nehmen, dann werden die Kosten später um ein Vielfaches höher liegen.

  • Und was ist mit meiner Stromrechnung? Wird die um ein Vielfaches teurer?

    Ein Umstieg auf erneuerbare Energien lohnt sich in jedem Fall. Denn während fossile Energieträger immer teurer und knapper werden, nehmen die Gestehungskosten für erneuerbare Energien kontinuierlich ab. Der entscheidende Unterschied im Vergleich mit nichterneuerbaren Energien liegt in der kostenlosen Primärenergie – Wind, Wasser, Sonne, Biomasse und Erdwärme stellt uns die Natur kostenlos zur Verfügung. Und schliesslich trägt die Energieeffizienz dazu bei, viel Strom und damit Geld zu sparen. Studien rechnen vor: Wenn wir bis 2025 aus der Atomkraft aus- und auf erneuerbare Energien und Effizienz umsteigen, kostet das die Schweiz rund 272 Millionen Franken pro Jahr oder rund 35 Franken pro Person und Jahr. Die Schweiz könnte sich den Umbau auf erneuerbare Energien leisten und damit eine weltweite Vorreiterrolle übernehmen. Investitionen in neue Kraftwerke kosten zu Beginn immer Geld. Im Vergleich zu fossilen Kraftwerken können Anlagen für erneuerbare Energien rasch gebaut werden, bergen keine Gefahr für Grossunfälle und können nach Ablauf der Lebensdauer unkompliziert zurückgebaut werden.

Stromnetz  
  • Braucht der Strom aus erneuerbaren Quellen nicht besondere Stromnetze?

    Korrekt. Ein Umstieg auf 100% erneuerbare Energien verlangt nach einem intelligenten Stromnetz – ein so genanntes Smart Grid. Durch solche Netze können Nachfrage und Angebot aufeinander abgestimmt werden. Zum Beispiel, indem flexible Verbraucher wie Pumpen, Kühlaggregate etc. dann laufen, wenn Strom aus Wind und Sonne günstig und in ausreichender Menge verfügbar ist. Die Investitionskosten für den Aufbau eines intelligenten Stromnetzes sind in beiden Szenarien nicht berücksichtigt. Denn zum einen müssen in den nächsten Jahrzehnten im Rahmen der üblichen technischen Erneuerungszyklen so oder so bedeutende Summen in das Netz investiert werden. Zum zweiten wird europaweit aufgrund der immer höheren Bedeutung von Wind- und Sonnenenergie am Smart Grid mittelfristig kein Weg vorbeiführen. Als Stromhandelsdrehscheibe Europas wird die Schweiz ohnehin in ihre Netzinfrastruktur investieren müssen. Egal, ob der Strom von erneuerbaren Quellen stammt oder aus Grosskraftwerken kommt. Es sind daher keine Investitionen, die mit dem Entscheid für einen vorgezogenen Umstieg auf erneuerbare Energien zusätzlich entstehen.

Politisches  
  • Was muss auf politischer Ebene geschehen, damit das Ziel «100% Erneuerbar bis 2025» erreicht wird?

    Der Umstieg auf 100% erneuerbare Energien bis 2025 ist möglich. Vorausgesetzt, unsere Politikerinnen und Politiker lösen die entsprechenden wirtschaftlichen Anreize aus und setzen die politischen Rahmenbedingungen für 100% erneuerbaren Strom. Das bedeutet auch, dass der Ausstieg aus der Atomkraft terminiert werden muss und der Bau von klimaschädlichen Gaskraftwerken ausgeschlossen wird. Die Bausteine für den Umstieg liegen bereit. Insgesamt zehn Massnahmen auf politischer Ebene sichern die Rahmenbedingungen, dass die Schweiz den Umstieg auf eine zuverlässige, risikofreie Stromversorgung aus erneuerbaren Energien schafft. Als besonders zentral für eine erfolgreiche Energiewende sind dabei folgende Massnahmen hervorzuheben: • Erstens: Eine kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) ohne Deckel und ohne Kontingente. Durch sie würde vor allem die Sonnenenergie-Nutzung einen enormen Schub erhalten. Die KEV gibt es seit 2009 und sie ist heute mit einer Budget-Limite «gedeckelt». Die Warteliste für die KEV ist enorm lang. Entscheidet das Parlament, den Kostendeckel zu heben, können in den nächsten Jahren Tausende von Gigawattstunden erneuerbarer Strom produziert werden. • Zweitens: Eine Lenkungsabgabe, die Effizienzmassnahmen schneller lohnenswert macht. Sparsame Konsumentinnen und Konsumenten werden belohnt, unnötige Stromverschwendung dagegen wird gebremst. (Der Kanton Basel-Stadt hat bereits 1989 eine Lenkungsabgabe auf Strom eingeführt.) • Drittens: Einfache und schnelle Bewilligungsverfahren für die Erstellung von Produktionsanlagen für erneuerbare Energien und eine übergeordnete kantonale Planung von Wind- und Wasserkraftanlagen.