BLOG: Falscher Alarm?

Newsartikel - 14 Oktober, 2014
Konsumentensprecherin Nunu Kaller über den aktuellen Profil-Artikel „Alarmstufe Rosa“

Konsumentensprecherin Nunu Kaller

Profil schlägt in seiner aktuellen Ausgabe Alarm: Vermeintliche Alarmisten würden KonsumentInnen verunsichern und dabei fragwürdige mathematische Methoden anwenden. Ein „alarmierender“ Rundumschlag gegen NGOs und Institutionen quasi, der verunsichert und – das ist das wirklich Problematische – teilweise nicht nur unreflektiert, sondern schlichtweg falsch ist (eine Richtigstellung der Fakten ist unter diesem LINK zu finden). Nicht jede und jeder muss die Arbeit von Umweltschutzorganisationen sowie deren Selbstverständnis als Stimme der Umwelt gut finden. Doch der Artikel, der jetzt ebenjene Arbeit zivilgesellschaftlich bedeutender Organisationen kleinschreibt, geht über die klassische „Ich habe eine andere Sichtweise“-Darstellung hinaus und kann nicht unkommentiert stehengelassen werden.

Als Konsumentensprecherin von Greenpeace bin ich immer wieder mit der Thematik der Umweltgifte konfrontiert. Oftmals handelt es sich hierbei um Chemikalien, Pestizide oder sonstige Gifte, die durch industrielle Landwirtschaft, Produktion von Textilien, oder durch industrielle Produktion in unseren Abwässern landen. Oder in Fischen, die wir essen. Oder auf den Feldern, von denen wir ernten.

Wir führen regelmäßig Tests durch, um auf diese Umweltprobleme aufmerksam zu machen, die Gründe dafür aufzudecken und nicht zuletzt, weil jede/r Einzelne von uns, das Recht hat zu wissen, was er mitisst oder mittrinkt und was sich in unserer Umwelt anreichert. Dabei veröffentlichen wir bei all unseren Reports die gesamten Untersuchungsergebnisse, agieren streng wissenschaftlich, transparent und nachvollziehbar.

Wer den Artikel im Profil gelesen hat, könnte denken: „Ja gut, aber anscheinend sind die nachgewiesenen Werte in vielen Fällen doch eh so gering, dass keine Gefährdung für die Menschen besteht.“ Nicht immer besteht eine direkte Gesundheitsgefährdung für die Menschen, aber als Umweltschutzorganisation sehen wir es als unsere Aufgabe, auf die Auswirkungen umweltschädlicher Verhaltensweisen aufmerksam zu machen, die Probleme und deren Ursachen aufzudecken und Lösungen aufzuzeigen. Solange keine Unbedenklichkeit der Pestizide, Chemikalien und sonstigen Schadstoffe, auf die NGOs einzelne Produkte testen, nachgewiesen ist, sollten sie auch nicht angewendet werden dürfen.

Die Grundlage unseres Handels, ist das in der EU geltende Vorsorgeprinzip, das besagt, dass die Belastungen für die Gesundheit und/oder Schäden für die Umwelt bereits im Voraus vermieden oder weitestgehend verringert werden sollten, auch wenn (oder gerade weil) darüber möglicherweise noch keine ausreichende Wissensbasis vorhanden ist. Die Wichtigkeit dessen, verdeutlicht auch ein Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA: In „Late lessons from early warnings: science, precaution, innovation” sind viele Fälle nachzulesen, bei denen man anhand des Vorsorgeprinzips schon viel früher hätte handeln müssen. Ein Beispiel in diesem Bericht ist die Saatgutbeize für ein Neonicotinoid bei Mais und Sonnenblumen, die bereits 1994 für massenhaftes Sterben von Honigbienen in Frankreich verantwortlich gemacht wurde. Damit es neunzehn (!) Jahre später endlich zu einem zumindest teilweisen Verbot auf europäischer Ebene dieser für Bienen so gefährlichen Substanzen kam, benötigte es aktive Kampagnen von Umweltschutzorganisation und den Einsatz von tausenden UnterstützerInnen weltweit.

Deshalb werden wir weiterhin nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tiefer blicken und testen, den Tests eine anerkannte wissenschaftliche Basis geben und die Test-Ergebnisse veröffentlichen. Auch wenn es unbequem für die/den ein oder anderen Akteur ist. Im aktuellen Profil-Artikel steht etwa, man müsse 1000 Liter Mineralwasser am Tag trinken, um seine Gesundheit zu gefährden. Wir finden wenn Pestizide sich in unserer Umwelt und unseren Lebensmitteln ablagern, ist das Grund genug darüber zu berichten, dass in unserer Landwirtschaft etwas schiefläuft und dass das geändert werden muss, auch wenn es nicht unmittelbar gesundheitsgefährdend ist. Ist das Alarmismus?

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