Brennpunkt HCB: Deponiesanierung muss oberste Priorität haben

Lösung im Sinne der Bevölkerung und der Umwelt muss gefunden werden

Newsartikel - 5 Oktober, 2015
Mehr als ein halbes Jahr ist seit dem Aufdecken des wohl größten Umweltskandals Österreichs vergangen. Das schwer getroffene Görtschitztal erholt sich langsam. Im Frühling entnommene Kräuter- und Heuproben deuten darauf hin, dass die weitere Umgebung des Zementwerks HCB-frei ist. Die Deponie ist jedoch weiterhin ein Gefahrenherd, dessen Beseitigung oberste Priorität haben muss.

Auf der Giftmülldeponie der Donau Chemie AG in Brückl lagern nach wie vor rund 150.000 Tonnen an gifthaltigem Blaukalk. Aufgrund der laufenden Emissionen von Giften in das Grundwasser sowie in die Gurk ist die Deponie die gefährlichste Altlast Österreichs.

Durch nicht ordnungsgemäße Sanierungsarbeiten ist es in den vergangenen Monaten rund um die Deponie auch zu Luftemissionen von HCB, HCBD und Quecksilber gekommen. Das hat zu HCB- und Quecksilberkontaminationen von Böden und Pflanzen um die Altlast geführt. Seit Juni 2015 wurden Maßnahmen zur Verminderung weiterer Luftemissionen ergriffen und ein Plan für eine emissionsärmere Sanierung ausgearbeitet.

Aufgrund der permanenten Umweltvergiftung hat die weitere Deponiesanierung höchste Dringlichkeit. Durch die EU-weite Neuausschreibung der Donau Chemie könnte es nun zu weiteren Verzögerungen kommen.

Trotzdem darf deshalb nicht nur nach schnellen Lösungen gesucht werden - eine Deponierung kommt aus Greenpeace-Sicht nur in Frage, wenn eine Zerstörung der organischen Schadstoffe derzeit nicht durchführbar ist. In diesem Fall ist eine gesicherte, dem neuesten Stand der Technik entsprechende Deponierung zu wählen. Das Material muss dabei getrennt von anderen Abfällen gelagert werden, um eine etwaige Verwertung / Zerstörung zu einem späteren Zeitpunkt zu ermöglichen.

Eine thermische Verwertung und damit Zerstörung von HCB bei Temperaturen über 850 Grad Celsius könnte nach derzeitigem Wissensstand neben Sondermüllverbrennungsanlagen auch in einem Zementwerk auf dem modernsten Stand der (Umwelt)Technik möglich sein. Hier sind streng überwachte Verwertungsversuche mit umfassenden HCB-Messungen in dafür geeigneten Zementwerken durchzuführen. Eine sogenannte Rauchgas-Nachverbrennung, bei der Schadstoffe im Abgas mit hohen Temperaturen verbrannt werden, ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Die detaillierten Bedingungen von Greenpeace finden Sie hier.

Diese Voraussetzungen sind derzeit in Kärnten nicht gegeben. Würde das Wietersdorfer Werk geschätzte 15 Millionen Euro in Rauchgasreinigung investieren, könnte man über einen streng kontrollierten neuen Blaukalk-Verwertungsversuch nachdenken. Ein solcher darf jedoch nur gemacht werden, wenn absolut sichergestellt ist, dass es zu keinerlei HCB-Belastung kommt sowie dass die Görtschitztaler Bevölkerung es akzeptiert.

Das Land Kärnten hat im April und Juli 2015 alle Beteiligten zu zwei Runden Tischen zur Erarbeitung von Lösungen für die Deponie eingeladen, auch Greenpeace nahm daran teil. Die Dringlichkeit der Deponiesanierung wurde von allen TeilnehmerInnen aus Politik, Behörden, Umwelteinrichtungen und Unternehmen bestätigt und es wurde vereinbart, dass kein stark belasteter Blaukalk mehr in ein Zementwerk gelangt. In einem Varianten-Vergleich des Umweltbundesamts wurden die (teilweise) Verwertung des Blaukalks in einem Zementwerk oder einer Sondermüllverbrennungsanlage, die Deponierung an anderen Orten und die dauerhafte Deponierung an Ort und Stelle verglichen. Dabei schnitt die Variante einer neuerlichen Verwertung von schwach bis mäßig belastetem Blaukalk in Klein Sankt Paul (mit Rauchgasnachverbrennung und zahlreichen Auflagen) am besten ab, der Abstand zu anderen Varianten war aber nicht sehr groß. Unabhängig von der gewählten Variante wurden Mediationsverfahren im Görtschitztal gestartet.

Herwig Schuster, Chemiker bei Greenpeace, bei der Probenahme

Kräuter- und Heuproben unbelastet – die Ausnahme: in Deponienähe Gewachsenes

Greenpeace hat im April und Mai 2015 im Kärntner Görtschitztal Kräuter- und Heuproben genommen und auf Hexachlorbenzol (HCB) untersuchen lassen. Alle Proben stammen von Orten, die vom HCB-Niederschlag stark betroffen waren.

In keiner der fünfzehn Kräuter- und Heu-Proben aus dem Görtschitztal wurde HCB nachgewiesen. Nachdem die Proben gezielt von stark betroffenen Höfen gezogen wurden, sind relevante Belastungen von Kräutern und Heu an anderen Standorten in der Nähe des Zementwerkes sehr unwahrscheinlich.

In unmittelbarer Umgebung der Deponie in Brückl sind HCB, HCBD und Quecksilber dagegen nach wie vor ein Problem: Eine nordöstlich der Deponie genommene Brennnesselprobe weist Werte auf, die dreimal über dem vorgeschriebenen Grenzwert von 20 Mikrogramm/kg liegen. HCBD wurde in der Brennnesselprobe nicht nachgewiesen. Eine Zusammenfassung der Kräutertests finden Sie hier.

 

Umweltgifte in der Gurk

Von der an der Gurk gelegenen Deponie, gelangt HCB auch in Grundwasser und in den Fluss. Analysen der von Greenpeace entnommenen Gurk-Wasserproben im März 2015 haben ergeben, dass der HCB-Grenzwert für Oberflächenwasser deutlich überschritten wird. Auch der Hexachlorbutadien-Wert (HCBD) war deutlich über dem zulässigen Wert. HCBD ist ebenfalls krebserregend und reichert sich wie HCB in der Nahrungskette an. Das von Greenpeace beauftragte Labor hat zudem umweltrelevante Mengen an Di-, Tri- und Tetrachlorethen gefunden. Letzteres ist auch bekannt als das Putzereigift Perchlorethylen.

Greenpeace warnt: Bei dermaßen hohen Schadstoff-Werten sollte jegliche Nutzung der Gurk unterlassen werden. Dazu zählt nicht nur die Fischerei, sondern auch Nutz- und Haustiere dürfen kein Wasser beziehungsweise keine Nahrung aus der Gurk und deren Uferbereich zu sich nehmen. Außerdem sollte das Wasser nicht zur Bewässerung genutzt werden.

Nebst der Verschmutzung der Gurk besteht auch die Gefahr, dass der Gift-Cocktail das Klagenfurter Grundwasserschongebiet erreicht.

 

Zukunft der Landwirtschaft

Aber es gibt auch gute Nachrichten für das Tal und die ansässigen landwirtschaftlichen Betriebe. Die Grünschnitt- und Heuergebnisse zeigen, dass für die Landwirtschaft im Görtschitztal HCB im Futtermittel kein Problem mehr sein sollte. Die Milch enthält jedoch nach wie vor unterschiedliche Mengen an HCB. Für die meisten Betriebe ist es aber wieder möglich, ihre Milch an die großen Molkereien zu liefern, da dort die Milch so gut vermischt wird, dass im Endprodukt HCB nicht mehr nachweisbar ist. Bis Bauern und Bäuerinnen ihre Milch- und Fleischprodukte wieder direkt vermarkten können, wird es noch dauern: Denn  die HCB-belastete Bevölkerung sollte auch kleine HCB-Spuren vermeiden, die normalerweise keine gesundheitlichen Folgen haben.

Die lokale Sonnenalm-Molkerei hat im März 2015 die Produktion mit Milch aus dem steirischen Bezirk Murau wieder aufgenommen, nachdem sie aufgrund der unkontrollierbaren HCB-Belastung Anfang Dezember 2014 geschlossen werden musste.

Bis auf weiteres wird die Molkerei – um jedes HCB-Risiko auszuschließen – regelmäßig umfangreiche Tests durchführen. Greenpeace begleitet die Sonnenalm beim Neustart. Voraussichtlich kann Ende 2015 mit der Erzeugung von Testprodukten mit Milch aus dem Görtschitztal begonnen werden. 

 

HCB im Blut

Wie zu befürchten war, haben die Bluttests ergeben, dass bei rund jeder sechsten getesteten Person die HCB-Werte zu hoch sind, also über den Referenzwerten liegen. Für eine abschließende Risikobewertung für die Menschen im Tal gibt es jedoch noch zu wenige Testergebnisse von Kindern und jungen Erwachsenen, die demnächst organisiert werden sollen. Für jene Menschen, die zu hohe HCB-Werte im Blut haben, ist es nun wichtig, die weitere Aufnahme von HCB – auch in kleinen Mengen – über Lebensmittel zu vermeiden. So empfehlen sich etwa der Konsum von ausschließlich gut getesteten Milchprodukten (wie z.B. Sonnenalm) und ein Verzicht auf Kürbiskernöl, da dieses immer mit kleinen HCB-Spuren aus dem Boden verunreinigt ist.

Der Endbericht des Instituts für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien 
zu HCB-Blutuntersuchungen im Görtschitztal wurde am 29. Mai 2015 vom Land Kärnten veröffentlicht. Dieser Bericht wurde von Greenpeace und Global 2000 begleitet.

Im August 2015 wurden von der Medizinischen Universität Wien Ernährungsempfehlungen für die mit HCB belastete Bevölkerung abgeleitet: viel Obst und Gemüse (Vorsicht bei ölhaltigen Kräutern und ) und bei Milch- und Fleisch-Produkten besser auf getestete Produkte zurückgreifen, deren Belastung unter den umweltmedizinisch abgeleiteten Richtwerten liegt. Mehr Information finden Sie hier.

E-Mail Hotline

Aufgrund des offenbar noch immer erschütterten Vertrauens der betroffenen Bevölkerung in die Behörden und das Unternehmen lässt Greenpeace seine Email-Hotline weiterhin eingerichtet. Die Bürgerinnen und Bürger des Görtschitztales können Fragen an richten, die schnellst- und  bestmöglich beantwortet werden.

Fragen und Antworten

Wir haben für Sie eine Liste der häufigsten Fragen und Antworten rund um den HCB-Fall im Görtschitztal zusammengefasst.

10 Fehler - 10 Maßnahmen - 10 Forderungen

Zehn Fehler auf dem Weg zum Chemie-Skandal (pdf)

Zehn unmittelbar zu treffende Maßnahmen im HCB-Fall (pdf)

Zehn Forderungen von Greenpeace an die Politik zur Vermeidung zukünftiger Umweltskandale (pdf)

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