2026 beginnt mit schlechten Nachrichten für den Amazonas-Regenwald. Am 5. Januar kündigte der brasilianische Verband der Pflanzenölindustrie (ABIOVE), der die größten Sojahändler Brasiliens vertritt, an, aus dem Soja-Moratorium im Amazonasgebiet aussteigen zu wollen. Dieser Schritt bestätigt die schlimmsten Befürchtungen der weltweiten Bewegung zum Schutz des Amazonas: Das bislang wirksamste Schutzinstrument für den Regenwald ist nun ernsthaft bedroht.

Ein historisches Abkommen gerät ins Wanken
Das Soja-Moratorium im Amazonasgebiet ist weit mehr als ein weiteres freiwilliges Unternehmensversprechen. Es gilt als eines der erfolgreichsten Abkommen zum Schutz der Regenwälder der Geschichte.
Im Jahr 2006 deckte Greenpeace International auf, dass Soja von kürzlich abgeholzten Flächen als Tierfutter verwendet wurde, und so letztlich große Marken wie McDonald’s sowie andere globale Fast-Food- und Supermarktketten belieferte. Die weltweite Empörung darüber führte dazu, dass Rohstoffhändler gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen unter der Führung von Greenpeace das Soja-Moratorium ins Leben riefen, ein bahnbrechendes Abkommen, das die Ausweitung des Sojaanbaus auf neu gerodete Flächen im Amazonasgebiet stoppte.

Bevor das Abkommen unterzeichnet wurde, entstanden bis zu 30 % der neuen Sojafelder im Amazonasgebiet durch die Rodung von Primärregenwald. Heute, dank des Sojamoratoriums, ist dieser Wert drastisch gesunken: Stand Juli 2025 wurden weniger als 4 % der Soja-Pflanzungen auf abgeholzten Flächen angelegt. Gleichzeitig konnte Brasilien seine Sojaproduktion verdreifachen, ohne das wichtigste Ökosystem des Landes zu zerstören – ein Beweis dafür, dass Landwirtschaft auch waldschonend betrieben werden kann.
Der Auslöser der heutigen Krise ist ein neues Gesetz, das von der Landesregierung von Mato Grosso, der brasilianischen Sojahauptstadt, eingeführt wurde und am 1. Januar 2026 in Kraft trat. Dieses Gesetz – vorangetrieben von der mächtigen Agrarlobby Brasiliens – entzieht Unternehmen, die an freiwilligen Umweltabkommen teilnehmen, die über die brasilianische Umweltgesetzgebung hinausgehen, Steuervergünstigungen. Das prominenteste Beispiel dafür ist das Soja-Moratorium.
Obwohl die Erklärung von ABIOVE nicht klar macht, welche Händler der Entscheidung des Verbands folgen, wurden auf der offiziellen Website des Abkommens die Logos der meisten Mitglieder entfernt – darunter große internationale Unternehmen wie ADM, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus.

Indem diese Unternehmen Steuervergünstigungen über ihre Nachhaltigkeitsverpflichtungen stellen, untergraben sie de facto einen historischen Schutzschild für den Amazonas. Zwar behauptet ABIOVE, dass die Mitglieder ihre Lieferketten weiterhin individuell überwachen werden, doch die Erfahrung zeigt: freiwillige Einzelzusagen erreichen selten die Strenge und Ambition eines einheitlichen, transparenten Moratoriums.
Was steht auf dem Spiel?
Wenn das Moratorium zusammenbricht, wären die Folgen global. Ohne das Abkommen müssten die Produzenten nur noch dem brasilianischen Waldgesetz (Forest Code) folgen – einem zwar wichtigen Gesetz, das ihnen jedoch erlaubt, bis zu 20 % ihrer Flächen oder in manchen Fällen sogar mehr im Amazonas-Biom zu roden. Schätzungen zufolge könnte dies bis 2045 zu einem Anstieg der Entwaldung um 30 % führen.
Dies hätte auch weitreichende Folgen für Unternehmen und Verbraucher:innen weltweit. Das Soja-Moratorium ermöglichte es Firmen, ihren Kund:innen mit gutem Gewissen zu versichern, dass die in ihren Lieferketten verwendete Soja nicht mit Abholzung im Amazonasgebiet in Verbindung steht. Genau deshalb haben so viele große Marken das Soja-Moratorium über Jahrzehnte hinweg unterstützt, und warum mehr als ein Dutzend führender europäischer Supermarktketten, darunter Lidl, Aldi und Tesco, kürzlich ihre Mitglieder aufgefordert haben, öffentlich ihr Bekenntnis zu dem Abkommen zu erneuern.
Wissenschaftler:innen warnen, dass der Amazonas bereits einen „Kipppunkt“ erreicht. Wenn nur noch ein wenig mehr Waldfläche verloren gehen, könnte das gesamte Ökosystem in eine trockene, brandanfällige Savanne zusammenbrechen. Dies würde Milliarden Tonnen Kohlendioxid freisetzen und es unmöglich machen, unsere globalen Klimaziele zu erreichen. Es steht nichts weniger als alles auf dem Spiel.

Handeln wir jetzt, bevor der Amazonas verloren ist
Greenpeace Brasilien unterstützt bereits eine Verfassungsklage gegen das Gesetz des Bundesstaates Mato Grosso vor dem Obersten Gerichtshof Brasiliens. Begründet wird dies damit, dass es verfassungswidrig ist, Steuervergünstigungen als Mittel zu nutzen, um diejenigen zu bestrafen, die mehr für den Schutz der Wälder tun. Doch zusätzlich braucht es internationalen Druck.
Der Großteil der weltweit produzierten Soja wird als Tierfutter eingesetzt und landet damit indirekt als Fleisch auf unseren Tellern. In einer Zeit, in der Regierungen rund um den Globus Menschen und Natur nicht ausreichend vor der Ausbeutung durch Konzerne schützen, ist es wichtiger denn je, dass wir unsere Stimme erheben. Wir müssen klar machen, dass wir von Sojahändlern und internationalen Marken keine Produkte akzeptieren, die mit der Zerstörung des größten Regenwaldes der Erde in Verbindung stehen.
Der Amazonas gehört uns allen – nicht nur der Agrarlobby. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass sein wirksamster Schutz erhalten bleibt.


