Am 24. Februar 2026 jährt sich der Beginn der großangelegten russischen Invasion in der Ukraine zum vierten Mal. Während die internationalen Schlagzeilen von Verhandlungen und neuen Hoffnungen auf Frieden geprägt sind, erlebt das Team von Greenpeace Ukraine die angeblich „friedlichen Absichten“ Russlands tagtäglich aus nächster Nähe. Seit mehreren Monaten haben die Mitarbeitenden oft nur wenige Stunden am Tag Strom und Heizung – häufig ohne warmes Wasser, ohne funktionierende Aufzüge und ohne die Möglichkeit, für sich und ihre Kinder zu kochen.
Von Beginn an zielte Russlands kolonialer Krieg darauf ab, die Ukraine als unabhängigen und souveränen Staat mit eigener Kultur und Sprache auszulöschen. Dabei werden gezielt Zivilist:innen, Wohnhäuser, Städte und kritische Infrastruktur angegriffen. Heute, im zwölften Jahr des Krieges und im vierten Jahr der großangelegten Invasion, steht die Ukraine vor der schwersten Energiekrise ihrer Geschichte – einer Krise, die durch systematische russische Angriffe bewusst herbeigeführt wurde.

Allein seit Beginn des Jahres 2026 wurden 217 gezielte Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine registriert. Im Januar feuerte Russland mehr als 6.000 Angriffsdrohnen, rund 5.500 gelenkte Fliegerbomben und 158 Raketen unterschiedlicher Typen auf Infrastrukturziele ab – allein in diesem Monat. Wärmekraftwerke, Umspannwerke und Fernwärmeanlagen werden immer wieder Ziel russischer Raketen und Drohnen. Diese Angriffe sind kein Zufall. Sie folgen einer klaren Strategie: die Energieversorgung des Landes systematisch zum Einsturz zu bringen. Das Ziel ist offensichtlich: Menschen ohne Licht, ohne Heizung und ohne Wasser zurückzulassen, den Winter zu einer weiteren Front des Krieges zu machen – und die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen.
In vielen ukrainischen Städten mit Fernwärmesystemen steigen die Temperaturen in Wohnungen im Winter kaum über 10 bis 14 Grad Celsius. Strom gibt es oft nur für wenige Stunden am Tag – nicht selten mitten in der Nacht. Unternehmen, Krankenhäuser, Schulen und öffentliche Einrichtungen arbeiten am Limit oder müssen zeitweise ganz schließen, da Dieselgeneratoren keinen Dauerbetrieb von 12 bis 15 Stunden durchhalten. Gleichzeitig sind Luftalarm, Drohnen und Raketen für Millionen von Menschen zum bedrückenden Hintergrund ihres Alltags geworden.
Gleichzeitig ist gerade in dieser Dunkelheit eine zentrale Erkenntnis gewachsen: Ein stark zentralisiertes Energiesystem, das auf Atomkraft, russischem Gas und fossilen Brennstoffen basiert, ist im Krieg besonders verwundbar. Dezentrale Lösungen mit erneuerbaren Energien, kombiniert mit Energiespeichern, hingegen können Leben retten.
Erst im Verlauf des Russlands Krieges gegen die Ukraine wurde deutlich, dass grüne Technologien längst nicht mehr nur für Klimaschutz, Umweltschutz oder Kosteneinsparungen stehen. In der Ukraine sind sie zu einer Frage des Überlebens, der Sicherheit und der Widerstandsfähigkeit geworden. Dezentrale Solaranlagen, Wärmepumpen, Batteriespeicher und autonome Energiesysteme haben sich selbst unter extremsten Bedingungen bewährt. Sie funktionieren auch dann, wenn das zentrale Stromnetz zerstört ist. Sie lassen sich nicht mit einem einzigen Angriff ausschalten und können deutlich schneller installiert oder ersetzt werden. Und sie sorgen für Wärme, Licht und Wasser, selbst dort, wo scheinbar nichts mehr geblieben ist.

Patient:innen in Krankenhäusern und Ambulanzen können weiterhin rechtzeitig geimpft und medizinisch versorgt werden. Kinder in Schulen und Kindergärten verfügen über alternative Stromquellen für den Unterricht und für den Aufenthalt in Schutzräumen, sie können Gefahren in Wärme und Licht abwarten. Bewohner:innen von Mehrfamilienhäusern erhalten verlässlich Wärme aus Erdwärme. Grüne Lösungen funktionieren schon heute, und geben den Menschen selbst in extrem schwierigen Zeiten Halt und Hoffnung.
Deshalb setzt Greenpeace seine Arbeit in der Ukraine auch während des Krieges fort. Wir bleiben, weil diese Arbeit gerade jetzt von entscheidender Bedeutung ist. Seit 2022 setzt unser internationales Team gemeinsam mit lokalen Gemeinden, Partnerorganisationen und Unterstützer:innen Projekte für erneuerbare Energien um: von Solaranlagen für medizinische Einrichtungen bis hin zu umfassenden Energielösungen für ganze Gemeinden.
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der grüne Wiederaufbau eines Mehrfamilienhauses in Trostjanez, einer Stadt nahe der russischen Grenze, die Besatzung und schwere Zerstörungen erlebt hat. Heute ist dieses Gebäude das erste Mehrfamilienhaus in der Ukraine, in dem sowohl die Heizung als auch die Warmwasserversorgung vollständig über Wärmepumpen betrieben werden. Für uns ist das weit mehr als ein wieder aufgebautes Haus. Es ist ein konkretes Modell für das Energiesystem der Zukunft in der Ukraine: dezentral, widerstandsfähig und sicher. Zugleich dient es unserer gesamten Organisation als Vorbild und inspiriert nicht nur die Menschen in der Ukraine, sondern auch unsere Büros weltweit.
Die Erfahrungen der Ukraine zeigen der Welt deutlich: Erneuerbare Energien sind kein Projekt für „nach dem Krieg“ oder für bessere Zeiten. Sie müssen gerade im Krieg umgesetzt werden, wenn wir Menschen schützen und die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft gegenüber Gewalt und autoritären Strukturen verringern wollen. Jedes Solarmodul, jede Wärmepumpe und jedes Batteriespeichersystem ist ein Schritt hin zu Energieunabhängigkeit, Sicherheit, und letztlich zu Frieden.
Wir glauben an die Ukraine. Wir glauben an ihren Sieg. Und wir glauben, dass die Zukunft des Landes grün, gerecht und sicher sein wird. Deshalb bleiben wir hier, arbeiten hier, und werden dies auch weiterhin tun. Gemeinsam mit Menschen, die jeden Tag beweisen, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Licht entstehen kann.
Gleichzeitig richten wir einen Appell an die Welt:
- Hört auf, russisches Gas zu kaufen und zu verbrauchen, es finanziert Krieg und Tod.
- Beendet die Geschäfte mit dem staatlichen russischen Atomkonzern Rosatom. Er darf keine neuen Atomkraftwerke in Europa bauen und muss mit Sanktionen belegt werden.
- Erhöht den Druck auf Russlands sogenannte Schattenflotte, damit sie nicht länger neue Raketen und Drohnen finanzieren kann.
Heute kann jedes Land, jede Regierung und jede verantwortungsbewusste Person dazu beitragen, einen gerechten und dauerhaften Frieden für die Ukraine zu ermöglichen.


