Zusammenfassung: Am 30. April haben Aktivist:innen von Greenpeace Niederlande die Generalversammlung von JBS, einem der weltweit größten Fleischkonzerne, mit einer Protestaktion unterbrochen und damit für ihre Annullierung gesorgt. Parallel dazu haben unsere niederländischen Kolleg:innen rechtliche Schritte eingeleitet, um auf die gefährlichen Expansionspläne des Unternehmens aufmerksam zu machen und die milliardenschweren Eigentümer zur Verantwortung zu ziehen.
Viele verbinden Greenpeace mit unseren Schiffen, spektakulären Aktionen oder unserem Einsatz vor Ort. Doch manchmal genügt bereits ein einziges Schreiben, um einen milliardenschweren Konzern ins Wanken zu bringen.
Nach niederländischem Recht ist ein Mahnschreiben der erste Schritt zu einem Gerichtsverfahren. Genau dieses Schreiben könnte nun einem der größten Expansionsprojekte der globalen Fleischindustrie in die Quere kommen. Denn es handelt sich nicht um eine gewöhnliche Beschwerde, sondern um einen juristischen Schritt mit weitreichenden Folgen für das Geschäftsmodell eines der mächtigsten Konzerne der Branche.
Diese Mahnung haben unsere Aktivist:innen JBS am 30. April persönlich überreicht. Eigentlich hätte der Konzern längst damit rechnen müssen.

JBS hat einiges zu verantworten
JBS zählt zu den mächtigsten Fleischkonzernen der Welt. Doch der Aufstieg des Konzerns basiert auf Umweltzerstörung, enormen Treibhausgasemissionen, Korruptionsskandalen und schweren Vorwürfen wegen Menschenrechtsverletzungen, oft verborgen hinter intransparenten Lieferketten. Immer wieder wurde JBS mit der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes, der Vernichtung wichtiger Lebensräume für Wildtiere und illegaler Viehzucht auf indigenerem Land in Verbindung gebracht. Dabei geht es längst nicht mehr nur um wirtschaftliches Wachstum. Ähnlich wie einst Shell steht JBS heute sinnbildlich für ein Geschäftsmodell, das die Klima- und Biodiversitätskrise massiv verschärft.
Doch möglicherweise hat der Konzern dabei einen entscheidenden Fehler gemacht.
Im vergangenen Jahr verlegte JBS seinen Hauptsitz von São Paulo nach Amsterdam, um seinen Weg an die New Yorker Börse zu ebnen. Gleichzeitig stützt sich die Finanzstruktur des Konzerns auf Holdinggesellschaften in Luxemburg und macht sich dabei steuerliche Vorteile des Großherzogtums zu nutzen. Dabei war das Unternehmen gewarnt worden: Wer sich auf niederländischem Boden bewegt, muss sich auch an niederländische Regeln halten. Mit dem Schritt nach Europa wollte sich JBS offenbar strukturelle Vorteile sichern. In der Praxis hat diese Entscheidung jedoch genau das Gegenteil bewirkt und Greenpeace eine rechtliche Grundlage geschaffen, um den Konzern und sein undurchsichtiges Imperium wirksam anzugreifen.

JBS: Haltet euer blutiges Geschäft aus Afrika raus
Am 30. April versammelten sich die wohlhabenden Verantwortlichen und Aktionäre von JBS im Hotel Sheraton in Amsterdam zu ihrer ersten Hauptversammlung in den Niederlanden. Doch wir waren entschlossen, ihnen keine Gelegenheit zu geben, ihre Dividenden ungestört zu feiern.
Die Aktivist von Greenpeace Niederlande brachten die Versammlung zum Stillstand, indem sie im Eingangsbereich des Gebäudes Kunstblut regnen ließen und ein Banner mit der Aufschrift „JBS: Haltet euer blutiges Geschäft aus Afrika rais“ entrollten. Im acht Stockwerke hohen Atrium entfalteten wir zudem das größte Indoor-Banner in der Geschichte von Greenpeace. Sie zeigte die Hauptaktionäre von JBS, Joesley und Wesley Batista.
Einige Aktivist:innen infiltrierten den Sitzungssaal, wo Marieke Vellekoop, Direktorin von Greenpeace Niederlande, eine formelle Auskunftsanfrage an die Aktionäre von JBS stellte. Damit wurde ein erster rechtlicher Schritt eingeleitet, der die geplanten Expansionsvorhaben des Konzerns weiter unter Druck setzt.
Diese Aktion führte schließlich zur Unterbrechung der Hauptversammlung.

Die Botschaft an JBS ist eindeutig: Wir werden nicht zulassen, dass der Konzern sein zerstörerisches Geschäftsmodell nach Subsahara-Afrika exportiert.
Derzeit plant JBS ein weltweites Expansionsprogramm im Wert von sechs Milliarden US-Dollar. Allein 2,5 Milliarden davon sollen in den Bau von sechs Fleischverarbeitungsfabriken in Nigeria fließen. Die Folgen könnten verheerend sein: wertvolle Wasserressourcen würden bedroht, industrielle Verschmutzung massiv zunehmen und enorme Mengen Methan freigesetzt werden, was die Klimakrise weiter verschärfen würde.
Dabei scheint es in Nigeria bislang keine unabhängigen Untersuchungen zu den ökologischen und sozialen Folgen der JBS-Projekte zu geben. Die betroffenen Gemeinden wurden nicht konsultiert, während wichtige Informationsanfragen der Zivilgesellschaft offenbar einfach ignoriert wurden.
Wir können nicht zulassen, dass JBS weiterhin im Verborgenen agiert. Deshalb fordert Greenpeace Niederlande die Offenlegung zentraler Dokumente, die nach unserer Einschätzung entscheidende Informationen enthalten könnten, um die Expansionspläne des Konzerns vor einem niederländischen Gericht anzufechten. Das darauf folgende Verfahren könnte zum ersten großen Klimaprozess gegen die industrielle Fleisch- und Viehwirtschaft werden.
Der Widerstand wächst
Weltweit formieren sich Widerstand und Solidarität gegen die zerstörerische Expansion dieses Fleischimperiums.
Vor Ort in Nigeria mobilisieren sich lokale Gemeinschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen, um mehr Transparenz einzufordern und für ihr Recht zu kämpfen, über die Zukunft ihres Landes selbst zu entscheiden.
Auch Greenpeace Afrika hat rechtliche Schritte eingeleitet und den Fall vor den Afrikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht. Die Organisation argumentiert, dass Unternehmen überall auf der Welt verpflichtet sind, transparent zu handeln und Menschenrechte zu respektieren.
Greenpeace Niederlande führt den Kampf direkt am europäischen Sitz von JBS.

Ein 21-tägiger Countdown
Gerade prallen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander.
Auf der einen Seite stehen die Batista-Brüder, milliardenschwere Besitzer des JBS-Imperiums, die bereits wegen Korruption verurteilt wurden. Erst Ende März soll die brasilianische Regierung rechtliche Schritte gegen JBS eingeleitet haben. Dem Konzern werden Verstöße gegen Arbeitsrechte entlang seiner Lieferketten vorgeworfen, zudem fordert der Staat offenbar fast 24 Millionen US-Dollar Schadenersatz.
Auf der anderen Seite stehen Menschen von überall auf der Welt, die sich solidarisch mit den betroffenen Gemeinden zusammenschließen. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, ihre Lebensgrundlagen, ihre Ernährungssouveränität und den Zugang zu sauberem Trinkwasser gegen die Interessen milliardenschwerer Konzerne zu verteidigen.
Greenpeace Niederlande hat den ersten Schritt in Richtung eines Gerichtsverfahrens eingeleitet und dem Vorstand von JBS genau 21 Tage Zeit gegeben, um seine bislang geheim gehaltenen Unterlagen offenzulegen.
Gemäß einer neuen niederländischen Gesetzgebung könnte Greenpeace Niederlande, falls JBS dieser Forderung nicht innerhalb von drei Wochen nachkommt, also bis spätestens morgen, dem 21. Mai, nachträglich die Herausgabe der Informationen unter Eid von den führenden Verantwortlichen des Konzerns verlangen. Damit würde sich auch die Möglichkeit eröffnen, dass die Batista-Brüder vor einem niederländischen Gericht aussagen müssen.
Sollte JBS diese Dokumente nicht offenlegen und nicht nachweisen, dass seine aktuelle Politik und Expansionsstrategie weder die Erderwärmung noch den Zusammenbruch von Ökosystemen weiter vorantreiben, fordert Greenpeace Niederlande JBS N.V. auf, sämtliche neuen Expansionspläne aufzugeben.
Parallel dazu kommt auch in Luxemburg Bewegung in die Debatte. Im April wurde im Justizausschuss der Abgeordnetenkammer ein Gesetzesvorschlag vorgestellt, der die Auflösung von Holdinggesellschaften ermöglichen soll, wenn diese mit umweltschädlichen Aktivitäten im Ausland verbunden sind. Inspiriert wurde die Initiative direkt durch den Fall JBS und die Rolle luxemburgischer Finanzstrukturen.
Die Zeit drängt. JBS muss uns bis morgen antworten. Und danach bleibt die Frage, wie es weitergeht.
Originalartikel von Isabel Willemsen, Kampagnerin für Biodiversität bei Greenpeace Niederlande, übersetzt und leicht angepasst von Greenpeace Luxemburg.


