Heute jähren sich das Große Ostjapan-Erdbeben und die Nuklearkatastrophe von Fukushima Daiichi zum 15. Mal. Die Katastrophe verwüstete große Teile der nordöstlichen Region Japans. Greenpeace spricht den Opfern und ihren Familien, die bis heute unter den Folgen leiden, ihr aufrichtiges Beileid aus.
Sam Annesley, Direktor von Greenpeace Japan, sagt:
Heute sind 15 Jahre seit dem Großen Ostjapan-Erdbeben und dem Atomunfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi des Energieunternehmens TEPCO vergangen. Wir gedenken der Menschen, die ihr Leben verloren haben, und sprechen den Überlebenden unser tiefes Mitgefühl aus. Unsere Gedanken sind bei den Familien und Gemeinschaften, die in den vergangenen 15 Jahren so viel ertragen mussten.

An einem Freitagnachmittag im frühen Frühling erschütterten ein gewaltiges Erdbeben, ein Tsunami und die anschließende Nuklearkatastrophe die Region. Die Bilder der Verwüstung in den Nachrichten ließen viele Menschen um die Sicherheit ihrer Angehörigen bangen. Die Freisetzung großer Mengen radioaktiven Materials verschärfte die ohnehin beispiellose Katastrophe: Evakuierungen sowie Such- und Rettungsarbeiten wurden erschwert, fruchtbare Böden und Gewässer dauerhaft kontaminiert. Bis heute hat dies Folgen für unzählige Menschen. Wir sprechen allen unseren tiefen Respekt aus, die seit dem Tag der Katastrophe unermüdlich daran arbeiten, das Kraftwerk und die betroffene Region wieder aufzubauen.
Wir müssen das grundlegende Energiesystem verändern, das so viel Leid und so viele Opfer verursacht hat. In den vergangenen Jahren hat die japanische Regierung deutlich gemacht, wieder stärker auf Atomenergie zu setzen. Immer mehr Reaktoren erhalten die Genehmigung, den Betrieb wieder aufzunehmen. Gleichzeitig ist der „nukleare Notstand“, den die Regierung am Tag der Katastrophe ausgerufen hat, bis heute nicht aufgehoben worden – und ein Zeitpunkt dafür wurde bislang nicht angekündigt. Wenn die Regierung ihre Ziele erreichen will – Energiesicherheit, Klimaneutralität, eine stabile Stromversorgung und stabile Preise – braucht es einen anderen Weg: den Ausstieg aus der Atomenergie, mehr Energieeffizienz und den Übergang zu einer Gesellschaft, die zu 100 % mit erneuerbaren Energien versorgt wird.
Aus sicherheitspolitischer Sicht bringt die Nutzung von Atomenergie zusätzliche Risiken mit sich. Dazu gehört etwa der Import von Uran, von dem Japan zu 100 % abhängig ist, sowie die Gefahr physischer oder cyberbasierter Angriffe auf nukleare Anlagen. Gleichzeitig ist die Dekarbonisierung zwar dringend notwendig, doch der Bau und die Inbetriebnahme neuer Atomkraftwerke lassen sich nicht innerhalb des Zeitrahmens umsetzen, der bleibt, um die Klimakrise wirksam abzuwenden.

Gleichzeitig steht die Wiederinbetriebnahme bestehender Atomkraftwerke vor einer Vielzahl äußerst schwieriger und bislang ungelöster Probleme: Dazu gehören die physische Sicherheit der Anlagen, der Schutz der Einsatzkräfte im Katastrophenfall sowie funktionierende Evakuierungswege für die Bevölkerung, etwa bei komplexen Katastrophen wie gleichzeitig auftretenden Erdbeben und Tsunamis. Hinzu kommt, dass es keine langfristige Strategie für die Entsorgung radioaktiver Abfälle gibt, obwohl sich durch den laufenden Betrieb immer mehr davon ansammelt. An der Atomenergie festzuhalten, ist daher höchst verantwortungslos.
Auch wirtschaftlich ist Atomenergie heute keine tragfähige Option mehr. Die derzeit kostengünstigste Form der Stromerzeugung in Japan ist Solarenergie, die auf heimische, unerschöpfliche Energiequellen setzt [1]. Zwar werden Photovoltaikmodule derzeit überwiegend im Ausland produziert, doch rund 70 % der gesamten Kosten – etwa für Netzanschlüsse und Bauarbeiten – entfallen auf inländische Unternehmen. Damit trägt der Ausbau der Solarenergie zugleich zur Stärkung der japanischen Wirtschaft bei.
Die Vorstellung, dass große, zentralisierte Atom- oder fossile Kraftwerke notwendig seien, um den erwarteten Anstieg des Stromverbrauchs durch Elektrofahrzeuge und Künstliche Intelligenz zu decken, ist kurzsichtig und steht im Widerspruch zum 1,5-Grad-Ziel. Von diesem überholten Denken müssen wir uns lösen. Stattdessen sollten wir auf erneuerbare Energien setzen – eine kostengünstige, stabile und heimische Energiequelle, die keine Brennstoffimporte benötigt und weder radioaktive Abfälle noch Treibhausgase verursacht. Das ist entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und für starke lokale Gemeinschaften.
Japan verfügt über reiche erneuerbare Energiequellen: darunter Sonne, Wind und Wasser. Gleichzeitig besteht großes Potenzial, durch mehr Energieeffizienz Kosten zu senken und den Energieverbrauch zu reduzieren. Greenpeace Japan fordert die Regierung daher auf, Energieeffizienz und den Ausbau nachhaltiger erneuerbarer Energien klar zu priorisieren, statt weiterhin auf Atomkraft zu setzen.
Notizen:
[1] Laut dem japanischen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie lagen die Stromgestehungskosten im Jahr 2023 bei 11,2 Yen pro kWh für Atomenergie, während großflächige Solarenergieanlagen Strom bereits für etwa 10,0 Yen pro kWh erzeugen konnten.


