Heute vor 40 Jahren führte eine Explosion in Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschornobyl zur Freisetzung radioaktiver Strahlung über weite Teile Europas. Ganze Gemeinschaften mussten ihre Heimat verlassen, zurück blieb ein toxisches Erbe, das bis heute fortbesteht. Mit dem Verschwinden aus den Schlagzeilen endeten die Folgen nicht. Menschen verloren ihr Leben und ihre Existenzgrundlage, ganze Landstriche sind bis heute unbewohnbar, und die Aufräumarbeiten verursachen weiterhin enorme menschliche und finanzielle Kosten. Es geht also nicht nur um das Gedenken an ein Ereignis in der Vergangenheit, auch 40 Jahre später handelt es sich um einen anhaltenden nuklearen Notfall.
Heute zeigen sich die Auswirkungen in einer zunehmend instabilen Welt noch deutlicher. Seit der großflächigen russischen Invasion der Ukraine ist nukleare Infrastruktur den Realitäten moderner Kriegsführung ausgesetzt. Atomkraftwerke wurden angegriffen und besetzt, zentrale Systeme stehen unter massivem Druck. Wie Polina Kolodiazhna, Senior Campaignerin bei Greenpeace Ukraine, sagt: „Vierzig Jahre nach Beginn der Katastrophe von Tschornobyl leben wir noch immer mit ihren Folgen. Die gravierenden Risiken der Atomkraft, die Tschornobyl deutlich gemacht hat, werden von Russland gezielt als Kriegswaffe eingesetzt.“
Atomkraft ist in der Ukraine nach wie vor die wichtigste Stromquelle. Doch die Rahmenbedingungen haben sich verändert. In einer Welt, die von Krieg, geopolitischen Spannungen und immer häufigeren Extremwetterereignissen geprägt ist, geraten große, zentralisierte Energiesysteme zunehmend unter Druck. Wenn hier etwas schief geht, sind die Folgen weitreichend und langfristig.

Ein spezielles Team von Greenpeace Ukraine hat das Kernkraftwerk Tschornobyl besucht, um den aktuellen Zustand der Schutzhülle „New Safe Confinement“ (NSC) zu untersuchen. Die NSC wurde am 14. Februar 2025 von einer russischen Drohne getroffen, die explodierte und das Dach durchschlug. Dabei kam es zu Bränden, die erhebliche Schäden an der Dachkonstruktion verursachten.
Doch es gibt auch eine andere Seite dieser Geschichte, eine, die zeigt, was heute schon möglich ist und wie eine bessere Zukunft aussehen kann.
In der ganzen Ukraine beweisen erneuerbare Energien bereits ihre Stärke, selbst unter schwierigen Bedingungen. Solaranlagen und Batteriespeicher haben dafür gesorgt, dass Krankenhäuser, Schulen und Gemeinden auch während Stromausfällen weiter funktionieren konnten, die durch russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur verursacht wurden. Erneuerbare Systeme sind schwerer außer Gefecht zu setzen, schneller zu reparieren und liefern weiterhin Energie, selbst wenn Teile des Stromnetzes beschädigt sind.
In Horenka, nahe Kyjiw, wurde eine beschädigte Ambulanz mit Unterstützung von Greenpeace Ukraine mit einem hybriden Solarsystem und einer Wärmepumpe statt mit Gas wieder aufgebaut
Die Leiterin der Einrichtung, Olena Yuzvak, sagt, dass so die Versorgung der Patient:innen auch trotz russischer Angriffe sichergestellt werden kann. „Aber wir sind inzwischen viel mehr als nur eine ‚ökologische‘ Ambulanz“, erklärt sie. „Bei Stromausfällen kommen die Menschen nicht nur für medizinische Hilfe zu uns, sondern auch, um ihre Handys aufzuladen oder einfach eine Tasse heißen Tee zu trinken. Die Klinik in Horenka ist zu einer echten Lebensader geworden.“
So sieht echte Widerstandsfähigkeit aus
Dezentrale erneuerbare Energiesysteme sind robuster, weil sie nicht von einem einzigen Schwachpunkt abhängen. Sie lassen sich schnell einsetzen, flexibel ausbauen und zügig wiederherstellen. Gerade in einem unsicheren Umfeld ist das entscheidend.
Im Gegensatz dazu bleiben die Risiken der Atomkraft bestehen, auch in Tschornobyl. Eine neue Analyse im Auftrag von Greenpeace Ukraine zeigt, dass die Schutzhülle „New Safe Confinement“ (NSC), die den Sarkophag und die Überreste von Reaktor 4 umschließt, durch einen gezielten russischen Drohnenangriff im vergangenen Jahr schwer beschädigt wurde. Laut Bericht ist ihre Fähigkeit, radioaktive Substanzen sicher einzuschließen, deutlich eingeschränkt: Dies hat zur Folge, dass das Risiko einer Freisetzung radioaktiver Materialien steigt.
Im Inneren des beschädigten Reaktors und seiner ursprünglichen Schutzhülle befindet sich eine komplexe Mischung aus radioaktivem Staub, Brennstoffresten und Trümmern. Die NSC wurde errichtet, um diese Materialien sicher einzuschließen und zu kontrollieren und gleichzeitig zu verhindern, dass radioaktive Stoffe nach außen gelangen. Ist diese Funktion eingeschränkt, lassen sich die Risiken deutlich schwerer kontrollieren, besonders unter den Bedingungen eines Krieges.
Der Greenpeace-Atomexperte Shaun Burnie warnt, dass sich durch die aktuelle Lage die Gefahr einer Freisetzung radioaktiver Stoffe im Falle struktureller Schäden weiter erhöht. Das zeigt deutlich, wie sehr bewaffnete Konflikte die langfristigen Risiken nuklearer Katastrophen verschärfen. Genau das ist eine der zentralen Lehren aus Tschornobyl, und sie sollte als Warnung verstanden werden. Die Folgen eines nuklearen Unglücks beschränken sich nicht auf einen einzelnen Moment. Sie dauern an, verändern sich und können durch neue Belastungen wie Krieg oder Extremwetter noch verstärkt werden.
Eine Frage der Verantwortung
Russische Streitkräfte bedrohen weiterhin Atomkraftwerke in der Ukraine und greifen systematisch das ukrainische Stromnetz an. Im schlimmsten Fall könnte dies zu mehreren Notabschaltungen an den ukrainischen Reaktoren führen, und zur Freisetzung radioaktiver Mengen in einem Ausmaß, das sogar über das hinausgeht, was wir vor 40 Jahren in Tschornobyl erlebt haben. Gleichzeitig spielt der russische Staatskonzern Rosatom weiterhin eine zentrale Rolle auf den globalen Energiemärkten und exportiert Technologien sowie nukleare Brennstoffe. Die Abhängigkeit von Rosatom zu verringern ist daher nicht nur eine energiepolitische Frage, sondern eine der internationalen Sicherheit.

Die fortbestehende Abhängigkeit von nuklearen Systemen, die mit geopolitischen Risiken verbunden sind, sei es über Brennstofflieferungen, Technologie oder Infrastruktur, setzt Länder politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Druck aus, der weit über die Energiepolitik hinausgeht.
Die Lehre aus Tschornobyl besteht nicht nur darin, was schiefgehen kann, sondern auch darin, welche Kosten entstehen, wenn es passiert, über Grenzen hinweg, über Generationen hinweg und unter Bedingungen, die instabiler sind als je zuvor.
Diese Entscheidung ist keine abstrakte. Sie findet jetzt statt.
Regierungen können weiterhin in zentralisierte Systeme investieren, die Risiken bündeln und geopolitische Abhängigkeiten vertiefen. Oder sie können den Ausbau dezentraler erneuerbarer Energien vorantreiben. Eine Energieversorgung, die sicherer ist, Krisen besser standhält und sich schwerer für politische Zwecke instrumentalisieren lässt.


