Amsterdam / Luxemburg, 22. Juli 2026 – Greenpeace Niederlande hat bei einem niederländischen Gericht beantragt, den weltweit größten Fleischkonzern JBS zur Offenlegung von Informationen zu verpflichten. Die Umweltschutzorganisation will rechtlich gegen die Geschäftspraktiken des Unternehmens vorgehen. Im Fokus steht der geplante globale Expansionsplan im Umfang von sechs Milliarden US-Dollar, von denen fast die Hälfte in Nigeria investiert werden soll. JBS hat seinen Hauptsitz in den Niederlanden und stützt seine internationale Unternehmensstruktur zudem auf ein Netzwerk von Holdinggesellschaften mit Sitz in Luxemburg. Erst vergangene Woche nahm der Konzern zwei zentrale Klima- und Umweltverpflichtungen zurück: das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, sowie die Zusage, Entwaldung in seinen Lieferketten zu beenden.

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht die geplante Investition von JBS in Höhe von 2,5 Milliarden US-Dollar in die industrielle Tierhaltung in Nigeria. Zivilgesellschaftliche Organisationen vor Ort warnen, dass die massive Expansion die Ernährungssicherheit gefährden, regionale Konflikte verschärfen und die Zerstörung wertvoller Ökosysteme weiter vorantreiben könnte. [1]

Elizabeth Atieno, Campaignerin für Ernährung bei Greenpeace Afrika, erklärt: „Das Fleischimperium von JBS wurde auf Kosten des Amazonas aufgebaut. Massive Entwaldung, enorme Treibhausgasemissionen sowie Menschenrechts- und Korruptionsskandale begleiten den Aufstieg des Konzerns, und das nahezu ohne Transparenz. Genau dieses Geschäftsmodell will der Konzern nun nach Afrika südlich der Sahara exportieren. JBS verspricht mehr Ernährungssicherheit. Doch die geplante Expansion in Nigeria droht irreversible Umweltschäden zu verursachen und Kleinbäuerinnen und Kleinbauern von ihrem Land zu verdrängen. Profitieren würden davon vor allem einige wenige wohlhabende globale Eliten.

Dem Gang vor Gericht ging die Weigerung von JBS voraus, einer formellen Aufforderung von Greenpeace Niederlande im April dieses Jahres zur Offenlegung von Informationen nachzukommen. Greenpeace stützt sich dabei auf ein neues niederländisches Gesetz, das Personen und Organisationen mit einem berechtigten Interesse das Recht einräumt, Zugang zu bestimmten Unternehmensdaten zu erhalten, wenn diese für die Vorbereitung eines Gerichtsverfahrens gegen ein niederländisches Unternehmen erforderlich sind. [2]

Die Anwälte von Greenpeace Niederlande argumentieren, dass sowohl die bisherigen Geschäftspraktiken von JBS als auch die geplante Expansion mit den Klima- und Biodiversitätsverpflichtungen des Unternehmens unvereinbar sind. Zudem verstoße JBS gegen seine Sorgfaltspflicht, die Unternehmen in den Niederlanden dazu verpflichtet, im Einklang mit den internationalen Menschenrechtsstandards zu handeln.

Da JBS seit Jahren keine vollständigen und verlässlichen Informationen über die Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf Klima [3], Natur und Menschenrechte sowie über seine Expansionspläne veröffentlicht, sieht Greenpeace Niederlande den Zugang zu diesen Daten als notwendige Voraussetzung für ein Gerichtsverfahren. Dieses könnte die erste Klimaklage dieser Größenordnung gegen die Viehwirtschaft werden, einer der größten Verursacher weltweiter Treibhausgasemissionen. [4]

JBS steht seit Jahren wegen mutmaßlicher Verbindungen zu illegaler Entwaldung, Landraub zulasten indigener Gemeinschaften, massiven Treibhausgasemissionen und moderner Sklaverei in der Kritik. Darüber hinaus wird der Konzern mit Kinderarbeit, ungesunden und unsicheren Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen, Tierquälerei und Korruption in Verbindung gebracht.

Neben diesen Geschäftspraktiken hat JBS auch eine komplexe Unternehmensstruktur in Europa aufgebaut, in der Luxemburg eine zentrale Rolle spielt. Obwohl der Konzern im Großherzogtum nur wenige Mitarbeitende beschäftigt und dort keine operativen Standorte unterhält, befinden sich zahlreiche Holdinggesellschaften in Luxemburg. Über diese werden viele der profitabelsten Gesellschaften von JBS in wichtigen Märkten weltweit kontrolliert.

Auch in Luxemburg rückt JBS zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses. Im Dezember 2025 wurde ein Gesetzesvorschlag ins Parlament eingebracht, der die Auflösung bestimmter Finanzholdinggesellschaften ermöglichen würde, wenn diese Beteiligungen an Unternehmen halten, gegen die wegen illegaler Aktivitäten ermittelt wird oder die bereits rechtskräftig verurteilt wurden. [5] Auslöser waren Medienrecherchen aus dem vergangenen Jahr, die die zerstörerischen Geschäftspraktiken von JBS im Amazonasgebiet aufdeckten und die Luxemburger Unternehmensstruktur des Konzerns offenlegten. Unabhängige Untersuchungen kommen zudem zu dem Schluss, dass JBS zwischen 2019 und 2022 mithilfe eines Netzwerks von Briefkastenfirmen in Luxemburg schätzungsweise 221 bis 442 Millionen US-Dollar an Steuern vermieden hat.


Notizen
[1] Experts raise concerns over the risks of industrial animal farming (The Sun Nigeria) 
[2] Sollte das Gericht zugunsten von Greenpeace Niederlande entscheiden, hätte die Organisation das Recht, die erforderlichen Informationen in Form von Dokumenten sowie Aussagen führender JBS-Vertreter:innen unter Eid einzufordern. Damit besteht die Möglichkeit, dass die Batista-Brüder vor einem niederländischen Gericht aussagen müssen. JBS hatte sich im vergangenen Jahr in eine niederländische Gesellschaft (JBS N.V.) umgewandelt, um eine Doppelnotierung an der New Yorker Börse zu ermöglichen.
[3] JBS trägt erheblich zur Klimakrise bei. Schätzungen von Greenpeace Nordic zufolge würden die gesamten Treibhausgasemissionen von JBS den Konzern auf Platz 13 der nicht-staatlichen Unternehmen im Ranking der fossilen Brennstoffunternehmen der Carbon Majors 2023-Datenbank einordnen. Besonders besorgniserregend sind die Methanemissionen des Konzerns: Greenpeace Nordic schätzt, dass diese höher sind als die kombinierten Methanemissionen von ExxonMobil und Shell.
[4] Der Viehzuchtsektor ist Schätzungen zufolge für 31 % der weltweiten Methanemissionen verantwortlich (mehr als die Öl- und Gasindustrie). Im Vergleich zu CO₂ verbleibt Methan zwar kürzer in der Atmosphäre (etwa 12 Jahre), hat aber über diesen Zeitraum eine deutlich stärkere klimaschädliche Wirkung: Über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet ist sein Treibhauspotenzial etwa 80-mal höher als das von CO₂. Das bedeutet, dass Veränderungen bei den Methanemissionen das Klima schneller beeinflussen als Veränderungen bei den CO₂-Emissionen. Siehe Schreiben von Greenpeace Niederlande an JBS vom 30. April 2026.
[5] Gesetzesvorschlag zur Änderung des geänderten Gesetzes vom 10. August 1915 über Handelsgesellschaften zur Stärkung der Befugnisse der Nationalen Kontaktstelle für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln und zur Ermöglichung der gerichtlichen Auflösung bestimmter Finanzholdinggesellschaften, die Beteiligungen an Unternehmen halten, gegen die wegen illegaler Aktivitäten ermittelt wird oder die wegen solcher Aktivitäten verurteilt wurden.