Dieser Artikel wurde ursprünglich von Greenpeace International veröffentlicht, von Mallika Singhal, Kommunikationsverantwortliche bei 350.org, verfasst und von uns übersetzt und angepasst.
Wir erleben derzeit weit mehr als nur eine Wirtschaftskrise. In Asien, Afrika, Europa und Amerika steigen die Preise für fossile Energien rasant an. Auslöser ist unter anderem die Sperrung der Straße von Hormus. Die Folgen sind weltweit spürbar: Energie, Lebensmittel und Wohnen werden immer teurer, während die Konzerne der fossilen Industrie Rekordgewinne einfahren.
Für dieses Phänomen gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: Fossilflation. Das Wort setzt sich aus „fossilen Brennstoffen“ und „Inflation“ zusammen und wurde 2022 von Isabel Schnabel geprägt, die dem Direktorium der Europäischen Zentralbank angehört. Gemeint ist damit, dass die Lebenshaltungskosten steigen, weil unsere Wirtschaft noch immer stark von Öl, Gas und Kohle abhängig ist.
Alles wird teurer: Wie fossile Energien die Preise in die Höhe treiben
Die von Israel und den USA gegen den Iran geführte Militäroffensive hat die Energiemärkte erneut erschüttert. Die Folge sind steigende Preise für fossile Energieträger, die sich direkt auf den Alltag der Menschen auswirken. Strom, Kraftstoff, Lebensmittel und viele andere Güter des täglichen Bedarfs werden teurer, weil unsere Wirtschaft nach wie vor stark von Öl, Gas und Kohle abhängig ist.
Wer zahlt die Zeche?
Am stärksten trifft diese Entwicklung die privaten Haushalte, insbesondere in Ländern, die auf Ölimporte angewiesen sind. Vor allem im Globalen Süden geraten viele Menschen dadurch noch stärker unter Druck. Im Südsudan, wo 96 % des Stroms aus Erdöl erzeugt werden, hat die Regierung den Strom rationiert. Ganze Stadtviertel sind dort seit dem späten Nachmittag bis zum nächsten Morgen ohne Elektrizität. In Indien greifen viele Familien wieder auf Brennholz oder getrockneten Dung zum Kochen zurück, weil Gas unerschwinglich geworden ist. Doch auch Europa und Nordamerika bleiben von den Folgen nicht verschont. Steigende Kosten für Strom, Lebensmittel, Verkehr und Treibstoff belasten die Haushalte zunehmend. Ob in Manila, Juba, Delhi oder Berlin: Überall zeigt sich das gleiche Muster. Wenn die Preise für Öl und Gas steigen, verteuert sich das tägliche Leben, während die Einkommen oft nicht Schritt halten und Regierungen versuchen, die Folgen abzufedern.

Auch aktuelle Zahlen bestätigen diesen Trend. In den USA wird mit einer Inflation von 3,2 % gerechnet, in Europa mit 2,6%. Für Asien prognostiziert die Asiatische Entwicklungsbank einen Anstieg von 5,2 %. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds liegt die weltweite Inflation in diesem Jahr bei 4,7 %. Für viele Familien bedeutet das einen spürbaren Kaufkraftverlust und deutlich weniger Geld für den Alltag.
Eine kurze Verschnaufpause und dann beginnt alles von vorn
Irgendwann wird die Straße von Hormus wieder geöffnet sein. Doch selbst dann dürfte die Entlastung nur von kurzer Dauer sein. Solange unsere Wirtschaft von fossilen Energien abhängig bleibt, werden sich solche Krisen immer wiederholen. Das haben wir bereits 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erlebt. Die Preise für Öl und Gas schossen damals in die Höhe. Kurz darauf verteuerten sich Strom, Lebensmittel, Heizung und zahlreiche Alltagsprodukte. Genau das passiert heute erneut. Der Auslöser ist ein anderer geopolitischer Konflikt, die Folgen sind dieselben. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Krise die Preise erneut in die Höhe treibt.
Deshalb greift es zu kurz, lediglich von einer Lebenshaltungs- oder Kaufkraftkrise zu sprechen. Im Kern handelt es sich um ein strukturelles Problem: Unsere Abhängigkeit von fossilen Energien macht unsere Wirtschaft anfällig für Preisschocks. Genau dieses Phänomen beschreibt der Begriff Fossilflation.
Kohle, Öl und Gas bleiben Energieträger, deren Preise starken Schwankungen unterliegen. Ihre Förderung und ihr Transport liegen in den Händen weniger Staaten und Unternehmen. Politische Spannungen, Kriege oder Störungen wichtiger Handelsrouten reichen oft aus, um die Märkte aus dem Gleichgewicht zu bringen und die Preise explodieren zu lassen. Das ist kein neues Phänomen. Seit der Ölkrise von 1973 erlebt die Welt etwa alle zehn Jahre einen neuen fossilen Preisschock. Ob der Iran-Irak-Krieg, der Golfkrieg 1990, die Finanzkrise 2008, der Arabische Frühling oder der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 – jedes dieser Ereignisse ließ die Energiepreise in die Höhe schnellen und löste wirtschaftliche Turbulenzen aus. Die Leidtragenden sind dabei fast immer die Menschen, nicht die Konzerne der fossilen Industrie. Solange unsere Energieversorgung von fossilen Brennstoffen abhängt, bleibt die Welt anfällig für die nächste Krise. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste geopolitische Konflikt oder die nächste Marktstörung die Preise erneut in die Höhe treibt und Millionen von Haushalten belastet.

2026: Ein Jahr des Krieges, steigender Lebenshaltungskosten und der Fossilflation
Mehr als nur ein Schlagwort
Steigen die Preise für Waren und Dienstleistungen, sprechen Ökonominnen und Ökonomen von Inflation. Der Begriff beschreibt zwar, was wir derzeit erleben, erklärt aber nicht, warum das Leben immer teurer wird. Oft wird die Inflation auf Regierungen, die Märkte oder die allgemeine Wirtschaftslage geschoben. Doch woher die Preissteigerungen tatsächlich kommen, bleibt dabei häufig unbeantwortet.
Der Begriff Fossilflation geht einen Schritt weiter. Er macht deutlich, dass die Ursache in unserer anhaltenden Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas liegt. Solange unsere Wirtschaft auf fossilen Energien basiert, führen geopolitische Krisen immer wieder zu steigenden Preisen und wirtschaftlicher Unsicherheit. Fossile Brennstoffe sind längst nicht nur eine Energiequelle. Sie bilden die Grundlage zahlreicher Bereiche unseres Alltags. Sie beeinflussen die Kosten für Lebensmittel, den Transport, die Wasserversorgung, das Gesundheitswesen und viele weitere lebenswichtige Dienstleistungen. Genau deshalb wirken sich Preisschocks bei Öl, Gas und Kohle auf nahezu alle Bereiche unseres Lebens aus.
Eine gefährliche Abhängigkeit
Genau deshalb wirken sich steigende Preise für Öl und Gas auf fast alle lebenswichtigen Bereiche aus. Erdgas ist beispielsweise der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Ammoniak. Dessen Kosten machen zwischen 70 und 90 % der Produktionskosten von Stickstoffdünger aus. Wird Gas teurer, steigen auch die Preise für Dünger und damit letztlich für Lebensmittel. Ähnlich verhält es sich beim Diesel. Steigende Kraftstoffpreise verteuern den Transport von Waren auf der Straße, auf dem Seeweg und in der Luft. Die höheren Kosten werden entlang der gesamten Lieferkette weitergegeben und landen am Ende auf den Kassenbons der Verbraucherinnen und Verbraucher. Auch Versicherungen bleiben davon nicht verschont. In den USA sind die Prämien für Wohngebäudeversicherungen in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Inflation. Ein wesentlicher Grund dafür sind die zunehmenden Klimaschäden, die durch die Nutzung fossiler Brennstoffe mitverursacht werden.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen Inflation und Fossilflation. Inflation beschreibt lediglich, dass Preise steigen. Fossilflation erklärt, warum sie steigen und macht deutlich, wer dafür die Verantwortung trägt.
Fossilflation beschert den Ölkonzernen Milliardengewinne
Die Zahlen sprechen für sich
In den ersten 50 Tagen des Krieges von Israel und den USA im Nahen Osten wurden mehr als 150 Milliarden US-Dollar von den Haushalten zu Öl- und Gaskonzernen umverteilt. Der Grund dafür waren allein die stark gestiegenen Energiepreise.
Selbst wenn die Straße von Hormus jetzt wieder vollständig geöffnet würde, würden Haushalte weiterhin mit den Folgen der explodierenden Öl- und Gaspreise belastet. Die zusätzlichen Kosten könnten sich auf rund 600 Milliarden US-Dollar belaufen. Sollte die Blockade andauern, könnten die Gesamtkosten für Familien, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen sogar auf bis zu 1 Billion US-Dollar steigen.

Während die Beträge auf unseren Kassenbons immer weiter steigen, geht es den großen Ölkonzernen weiterhin sehr gut. Die Gewinne von Shell stiegen im ersten Quartal um 24 % auf 6,9 Milliarden US-Dollar, während der Krieg andauerte. TotalEnergies meldete für denselben Zeitraum einen Umsatz von 5,5 Milliarden US-Dollar. Insgesamt sollen die größten Unternehmen der Branche bereits im ersten Monat des Konflikts 23 Milliarden US-Dollar Gewinn erzielt haben, noch bevor Regierungen öffentliche Gelder bereitstellten.
Denn weltweit planen Staaten allein für das Jahr 2026, fossile Industrien mit insgesamt 1.100 Milliarden US-Dollar zu unterstützen. Damit setzen sie weiterhin auf kurzfristige Subventionen, anstatt die Energiewende konsequent voranzutreiben. Dabei wäre es entscheidend, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern und die Menschheit dabei zu unterstützen, die Folgen der Fossilflation zu bewältigen.
Die Klimakrise treibt die Kosten weiter in die Höhe
Hinzu kommen die Kosten der durch die Erderhitzung verursachten Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren, Hurrikane und Wirbelstürme. Ihre Folgen sind auf vielen Ebenen spürbar: Sie belasten unseren Alltag, unser Wohlbefinden und verursachen hohe Kosten für Reparaturen und Wiederaufbau. Die Luftverschmutzung durch die Verbrennung von Kohle, Gas und Öl verursacht weltweit jedes Jahr schätzungsweise 8,7 Millionen Todesfälle. Das entspricht fast jedem zweiten durch Umweltverschmutzung verursachten Todesfall. Die letzte Hitzewelle in Europa soll rund 1.300 Menschenleben gefordert und in Frankreich sowie Deutschland zusätzliche Stromkosten von 700 Millionen Euro verursacht haben. Die fossile Industrie verursacht allein durch Klimaschäden und Todesfälle infolge der Luftverschmutzung jedes Jahr Kosten von mindestens 9.300 Milliarden US-Dollar und übernimmt davon kaum etwas selbst. Rechnet man zusätzlich Subventionen und Steuervergünstigungen hinzu, beläuft sich die gesamte öffentliche Unterstützung für die fossile Industrie auf rund 1.200 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das entspricht etwa 1.400 US-Dollar pro Person weltweit.
Genau so sieht Fossilflation aus. Unser Geld verschwindet nicht einfach, sondern fließt direkt in die Taschen der Führungskräfte der fossilen Industrie. Solange wir nichts gegen die Abhängigkeit unserer Gesellschaften von fossilen Energien unternehmen, werden wir diesem Kreislauf der Fossilflation nicht entkommen.
Raus aus der Fossilflation
Krisen sind kein unausweichliches Schicksal
Die Lösung gegen Fossilflation war nie außer Reichweite. Sie ist lediglich unbequem für diejenigen, die vom bestehenden System profitieren. Doch sie existiert, und es liegt an unseren politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern, jetzt zu handeln.

Anders als bei früheren Energiekrisen wissen wir heute, wie wir uns aus der Abhängigkeit von fossilen Energien befreien können: durch erneuerbare Energien. Wind- und Solarenergie sind längst keine Nischenlösungen mehr. Sie haben sich zunehmend zu den günstigsten Energiequellen der Menschheitsgeschichte entwickelt. Seit 2010 sind die Kosten für Solarenergie um 87 % gesunken, während sich die Kosten für Batteriespeicher um 93 % reduziert haben. Im Gegensatz zu fossilen Energien sind erneuerbare Energien zudem nicht auf internationale Transportwege angewiesen. Sie können lokal produziert und genutzt werden, wodurch ihre Kosten auch langfristig stabiler bleiben. Und nicht zuletzt: Erneuerbare Energien tragen deutlich weniger dazu bei, Konflikte zu verschärfen, als fossile Energieträger.
Fossilflation ist eine politische Entscheidung
Regierungen müssen jetzt schnell handeln und den Umbau unserer Energiesysteme hin zu nachhaltigen, dezentralen Lösungen gerecht und sozialverträglich gestalten. Dazu gehört auch, die Verursacher stärker zur Verantwortung zu ziehen und ihre Gewinne dauerhaft höher zu besteuern. Die daraus entstehenden Einnahmen können genutzt werden, um die Energiewende voranzutreiben und Menschen zu unterstützen, die am stärksten unter der Klimakrise leiden.
Lasst uns die Dinge beim Namen nennen: Diese Krise ist nicht einfach nur eine Krise der Lebenshaltungskosten oder der Kaufkraft. Es ist eine Fossilflation. Doch das bedeutet nicht, dass wir ihr hilflos ausgeliefert sind.


