Luxemburg, 7. September 2020 – Greenpeace veröffentlicht heute gemeinsam mit weiteren Nichtregierungsorganisationen, Gentechnik-frei-Verbänden sowie einer Handelskette die weltweit erste frei zugängliche (Open Source) Nachweismethode für eine Pflanze, deren Erbgut mit einem Verfahren der „neuen“ Gentechnik (Genome Editing) hergestellt wurde [1]. Das neu entwickelte Testverfahren widerlegt die Behauptungen der Gentechnik-Industrie und einiger europäischer Behörden, dass mittels „neuer“ Gentechnikverfahren hergestellte zumeist nicht von natürlich gezüchteten unterschieden und daher nicht nach geltendem EU-Gentechnikrecht reguliert werden können [2]. Greenpeace fordert die luxemburgische Regierung auf, unverzüglich Protokolle zu entwickeln, die bei der Lebensmittelkontrolle auf diesem Open-Source-Nachweisverfahren basieren, um eine illegale Kontamination von Importen mit neuen Gentechnik-Pflanzen zu verhindern.

Mit der neuen Methode wird eine herbizid-tolerante Rapssorte nachgewiesen, die mit Hilfe eines Verfahrens der sogenannten „neuen“ Gentechnik entwickelt wurde. Der Nachweis ermöglicht es den luxemburgischen Behörden, entsprechende Kontrollen zu veranlassen und so zu verhindern, dass die in der EU nicht zugelassene Nutzpflanze illegal in die Lebens- und Futtermittelketten der EU gelangt. Bislang gab es für EU-Länder keine Untersuchungsmethode, um landwirtschaftliche Importe auf diesen in Teilen der USA und Kanadas angebauten Gentechnik-Raps testen.

Heike Moldenhauer, EU-Politikberaterin beim deutschen Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG) erklärte: „Die neue Nachweismethode ist ein Meilenstein für den Schutz von Konsumenten, Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft in der EU! Die Behörden haben nun die Möglichkeit, nicht zugelassene gentechnisch veränderte Pflanzen auch tatsächlich als solche zu identifizieren. Dies erlaubt es Herstellern und Vermarktern auf allen Ebenen – von Imkern über Landwirte, Züchter bis hin zur Futter- und Lebensmittelwirtschaft – ihre Lieferketten von diesen neuartigen gentechnischen Organismen freizuhalten und somit die wachsende Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten nach gentechnikfreien Lebensmitteln auch langfristig zu erfüllen.

Die neue Nachweismethode wurde heute nach einem ausführlichen Peer-Review in der Fachzeitschrift „Foods“ publiziert [3]. Mit der Methode kann der Gentechnik-Raps des amerikanischen Biotechnologieunternehmens Cibus präzise nachgewiesen werden [4]. Dabei handelt es sich um eine von bislang zwei mit Hilfe neuer Gentechnik hergestellten Nutzpflanzen, die in Nordamerika bereits angebaut werden. Der Cibus-Raps hat in der Europäischen Union keine Zulassung, Importe dieses Gentechnik-Rapses wären daher illegal. Das neue Nachweisverfahren wurde bereits von den ExpertInnen des Österreichischen Umweltbundesamtes validiert. Es erfüllt alle europäischen Kriterien für Nachweismethoden für gentechnisch veränderte Organismen und kann ab sofort eingesetzt werden.

Im Juli 2018 stellte der Europäische Gerichtshof (EuGH) klar, dass auch Produkte aus den Verfahren der neuen Gentechnik unter die Bestimmungen der EU-Gentechnikgesetzgebung fallen. Der EuGH sagte, nur so könne dem Vorsorgeprinzip Rechnung getragen werden, das in den EU-Verträgen verankert ist, und auf dem die EU-Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit fußen.Das Urteil verpflichtet die luxemburgischen und europäischen Behörden unter anderem dazu, Importe auf die Kontamination mit neuen Gentechnik-Pflanzen zu untersuchen. Dank des neuen Open-Source-Nachweisverfahrens ist das nun erstmals auch praktisch möglich [5].

Nach dem Urteil des oberstes EU-Gerichts fallen genomeditierte Pflanzen klar unter das EU-Gentechnikrecht. Dies ist erforderlich, um die Verbraucher und die Umwelt zu schützen. Manche haben behauptet, es sei unmöglich, genomeditierte Pflanzen aufzuspüren, daher könnten diese nicht nach geltendem Gentechnikrecht reguliert werden. Das neue Nachweisverfahren liefert der europäischen Kommission und der luxemburgischen Regierung nun erstmals das Werkzeug dazu. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr – das neue Nachweisverfahren muss standardmäßig bei Gentechnik-Kontrollen angewendet werden”, fordert Franziska Achterberg, Direktorin der EU-Lebensmittelpolitik von Greenpeace.


Hintergrundinformationen: 

Medienbriefing zur neuen Nachweismethode: https://bit.ly/3blhIZ2 

Alle Unterlagen stehen auf www.detect-GMO.org  zum Download zur Verfügung.

[1] Hinter den Begriffen “neue Gentechnik” oder “Genome-Editing” verbergen sich neue gentechnische Verfahren, mittels derer neue Merkmale bei einer Pflanze herbeigeführt werden können, ohne fremdes genetisches Material (Erbgut) hinzuzufügen. Das bekannteste Verfahren ist CRISPR-Cas.Neben beabsichtigten Veränderungen verursacht Genome Editing allerdings auch unbeabsichtigte genetische Veränderungen des Erbguts, die die Sicherheit der Produkte für Mensch und Umwelt beeinträchtigen können. Die langfristigen Gesundheits- und Umweltauswirkungen von Genome-Editing-Pflanzen sind noch nicht untersucht. Bislang wurden zwei mit Genome Editing hergestellte Pflanzen zur Marktreife geführt: Der SU Canola (Raps) der US-Firma Cibus und eine Sojabohne mit verändertem Ölgehalt (High Oleic Soya) der US-Firma Calyxt. Beide Produkte werden bisher ausschließlich in Nordamerika angebaut.

[2] Das Forschungsprojekt wurde von einem Konsortium unter der Leitung von Dr. John Fagan am Health Research Institute (Iowa, USA) durchgeführt. Es wurde von der Greenpeace EU Unit, Greenpeace Deutschland und dem Sustainability Council of New Zealand, sowie von den „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnungsorganisationen ARGE Gentechnik-frei (Österreich) und VLOG e.V. (Deutschland), dem Non-GMO-Projekt (USA), der Organic and Natural Health Association (USA), dem Verband für biologische Lebensmittel und Landwirtschaft IFOAM Organics Europe und Österreichs führendem Lebensmitteleinzelhändler SPAR finanziert.

[3] Fagan, J., Chhalliyil, P., Ilves, H., Kazakov, S., Howard, S., Johnston, B., 2020, Ein quantitatives Echtzeit-PCR-Verfahren für den Nachweis und die Quantifizierung des ersten kommerzialisierten genom editierten Pflanze[FA3] . In: Foods.
[4] Das bei SU Canola verwendete Genomeditierungs-Verfahren heißt Oligonukleotid-gesteuerte Mutagenese (Oligonucleotide directed mutagenesis, ODM).

[5] Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache C-528/16, Absatz 53. 25. Juli 2018.

Machen Sie mit! ×