Luxemburg, 29. Oktober 2026 – Seit Beginn des Krieges gegen den Iran hat die Ölindustrie durch stark gestiegene Diesel- und Benzinpreise in der Europäischen Union 36 Milliarden Euro an Übergewinnen erzielt. Das entspricht rund 154 Millionen Euro pro Tag. Dies geht aus einer neuen Studie im Auftrag von Greenpeace Deutschland hervor. [1] Allein im September beliefen sich die zusätzlichen Gewinne auf 7,3 Milliarden Euro und erreichten damit den höchsten Monatswert seit Beginn des untersuchten Zeitraums. Laut Studie liegen die Übergewinne der Ölkonzerne in Luxemburg zwischen Anfang März und Mitte Oktober bei insgesamt 210 Millionen Euro.
Heute veröffentlichen Shell, TotalEnergies und andere Ölkonzerne ihre Geschäftszahlen für das dritte Quartal 2026. Dabei werden erneut Rekordgewinne erwartet. Ein Blick auf die Entwicklung der Treibstoffpreise zeigt, wie sich die Gewinnmargen der Branche zuletzt entwickelt haben: Zwischen dem 1. März und dem 19. Oktober 2026 stiegen die Dieselpreise in der EU vor Steuern und Abgaben im Schnitt um 22,7 Cent pro Liter stärker als die Rohölpreise. Bei Benzin betrug der Unterschied durchschnittlich 13,3 Cent pro Liter. Laut Greenpeace-Studie deutet diese Entwicklung darauf hin, dass die Ölkonzerne ihre Gewinnmargen erhöht haben, obwohl ihre Kosten für Förderung, Raffinierung und Vertrieb kaum gestiegen sind. [2] Demnach nutzen die Konzerne den Krieg gegen den Iran und die Krise im Nahen Osten als Vorwand, um ihre Margen auf Kosten der Autofahrer:innen in Europa zu erhöhen, die angesichts der Rekordpreise für Kraftstoffe die Zeche zahlen müssen.
Greenpeace fordert die europäischen Regierungen, darunter auch Luxemburg, auf, sich für eine dauerhafte Steuer auf die Gewinne von Öl- und Gasunternehmen einzusetzen. Nachdem sechs EU-Mitgliedstaaten eine Steuer auf die Übergewinne von Unternehmen aus dem fossilen Energiesektor gefordert hatten, hat die Europäische Kommission den Auftrag erhalten, eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema einzurichten. Auch die Staats- und Regierungschef der EU haben sich offen für neue steuerliche Maßnahmen im nächsten EU-Haushalt für den Zeitraum 2028 bis 2034 gezeigt. Bei einem außerordentlichen Gipfeltreffen des Europäischen Rates am 26. und 27. November soll es unter anderem um mögliche neue Steuern und Abgaben gehen, mit denen die Haushaltslücke geschlossen werden könnte.
„Ölkonzerne beuten schamlos Menschen aus, die auf ihr Auto angewiesen sind, und nutzen Kriege und die Zerstörung des Klimas aus, um sich zu bereichern“, erklärt Altynaï Bidaubayle, Campaignerin bei Greenpeace Luxemburg. „Nachdem extreme Hitze in diesem Sommer Zehntausende Menschenleben gefordert hat und den Haushalten im Winter erneut hohe Energierechnungen drohen, müssen die europäischen Regierungen und die EU endlich eine dauerhafte Steuer auf die Gewinne der fossilen Energiekonzerne einführen.“ Die Einnahmen aus dieser Steuer sollen dazu beitragen, die Energiekosten für Haushalte zu senken, den Wandel hin zu einem unabhängigen europäischen Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien und Energieeinsparungen zu beschleunigen und Menschen zu unterstützen, die in Luxemburg, Europa und weltweit unter den Folgen der Klimakrise leiden.
In Luxemburg wird aktuell im Rahmen der Tripartite-Verhandlungen über die Verlängerung des „Tankrabatts“ diskutiert. Greenpeace äußert sich kritisch gegenüber dieser Maßnahme, deren kostendämpfender Effekt für die Privathaushalte begrenzt und nur vorübergehend ist.
„Eine Fortsetzung dieser Art von Kraftstoffsubventionierung birgt die Gefahr, dass wir unsere Klimaschutzverpflichtungen im Verkehrsbereich verfehlen, was besonders besorgniserregend ist. Es kann nicht sein, dass unsere Regierung mit Steuergeldern versucht, die Auswirkungen einer klima- und verbraucherfeindlichen Politik der Ölkonzerne abzumildern. Statt das Spiel der Ölkonzerne mitzuspielen, sollte die Regierung alles daran setzen, diesem einen Riegel vorzuschieben. Sie sollte unsere Steuergelder, statt es in die Taschen der Ölkonzerne zu stopfen, in nachhaltige Lösungen investieren, die es den Haushalten ermöglichen, ihre Energiekosten langfristig zu senken und unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.“ [3]
Greenpeace fordert die luxemburgische Regierung auf, sich bei den kommenden EU-Gipfeln und in den Gesprächen mit der Europäischen Kommission für eine Steuer auf die Gewinne von Öl- und Gasunternehmen einzusetzen. Eine Steuer von 33 % auf die durchschnittlichen monatlichen Übergewinne der Ölkonzerne könnte dem luxemburgischen Staat rund 9 Millionen Euro pro Monat einbringen. Mit diesen Einnahmen könnte beispielsweise der Umstieg von Öl- und Gasheizungen auf erneuerbare Heizsysteme gefördert werden. Das würde dazu beitragen, die Klima- und Energiekrise strukturell zu bewältigen und die Bevölkerung angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten langfristig zu entlasten.
Notizen:
[1] Die von Greenpeace Deutschland in Auftrag gegebene Studie des Energieexperten Steffen Bukold untersucht, wie sich die Rohölpreise und die Preise für Diesel und Benzin an den Tankstellen in der EU vor und nach Beginn des Krieges gegen Iran entwickelt haben. Steuern und Abgaben bleiben dabei unberücksichtigt. Als Zusatzgewinne gelten die geschätzten zusätzlichen Bruttomargen aus dem Verkauf von Diesel und Benzin für den Straßenverkehr in den 27 EU-Mitgliedstaaten zwischen dem 1. März und dem 19. Oktober 2026. Höhere Bruttomargen gehen in der Regel mit höheren Betriebsgewinnen einher. Die Kosten für Raffinierung und Vertrieb blieben im untersuchten Zeitraum weitgehend stabil. Berechnet wurden die Übergewinne, indem die durchschnittliche Bruttomarge pro Liter vor Kriegsbeginn, im Januar und Februar 2026, mit der Marge im Untersuchungszeitraum verglichen wurde. Die Differenz wurde anschließend mit den verkauften Kraftstoffmengen multipliziert. Die Bruttomarge pro Liter ergibt sich aus dem Tankstellenpreis ohne Steuern und Abgaben, wie ihn das Oil Bulletin der Europäischen Kommission ausweist, abzüglich der Rohölkosten. Letztere basieren auf den jeweils nächstfälligen Brent-Terminkontrakten an der ICE-Börse. Für die verkauften Kraftstoffmengen wurden Eurostat-Daten aus dem Jahr 2024 herangezogen. Biokraftstoffe sind nicht berücksichtigt. Laut der Studie profitieren vor allem europäische Raffineriebetreiber und insbesondere die großen Ölkonzerne von den gestiegenen Margen. Da die Berechnung die gesamte Wertschöpfungskette vom Einkauf des Rohöls bis zum Verkauf an der Tankstelle umfasst, können die geschätzten Übergewinne auch Gewinne von Kraftstoffgroßhändlern und Tankstellenbetreibern einschließen. Die Ergebnisse sind Schätzungen der Übergewinne im Vergleich zum Niveau vor der Krise. Es handelt sich nicht um tatsächlich von den Unternehmen ausgewiesene Gewinne. Zudem weist die Studie die Übergewinne keinen einzelnen Unternehmen zu.
[2] Die höchsten zusätzlichen Gewinne erzielten die Ölkonzerne in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen. Die größten zusätzlichen Margen pro Liter Diesel wurden in Schweden (27,4 Cent), Spanien (26,6 Cent) und Slowenien (25,4 Cent) verzeichnet. Bei Benzin lagen Dänemark (18,4 Cent), Deutschland (16,9 Cent) und Spanien (15,5 Cent) an der Spitze. In Luxemburg betrugen die zusätzlichen Margen 24,6 Cent pro Liter Diesel und 12,5 Cent pro Liter Benzin. Laut der Studie blieb die Kostenbasis der Branche weitgehend stabil. Der einzige wesentliche Kostenanstieg betraf das Rohöl und ist in der Berechnung bereits berücksichtigt. Erdgas spielt für die Raffinerien nur eine untergeordnete Rolle als Kostenfaktor, da sie den Großteil ihres Gasbedarfs selbst decken. Weitere nennenswerte Kostensteigerungen wurden nicht festgestellt.
[3] STATEC – Comité de suivi Tripartite (20.10.2026), Seite 11, Conséquences sur le ventes de carburants et émissions de GES.
[4] Eine zusätzliche Gewinnsteuer sollte dauerhaft jedes Jahr auf sämtliche Gewinne aus fossilen Energien erhoben werden, nicht nur auf außergewöhnliche Gewinne oder sogenannte Übergewinne. Sie würde zusätzlich zur bestehenden Unternehmenssteuer anfallen. Damit würden Unternehmen aus der fossilen Energiebranche stärker besteuert als Unternehmen in weniger umweltschädlichen Sektoren.
Greenpeace fordert die Regierungen aller EU-Mitgliedstaaten auf, folgende Maßnahmen zu ergreifen:
- Auf EU-Ebene: Eine dauerhafte Zusatzsteuer auf Gewinne mit einem Mindeststeuersatz von 33 % einführen, der schrittweise angehoben werden soll Die Höhe der Steuer soll sich daran orientieren, wie schnell der notwendige Ausstieg aus fossilen Energien in der EU vorankommt.
- Auf nationaler Ebene: Progressive Steuermodelle einführen, durch die besonders umweltschädliche Unternehmen stärker zur Kasse gebeten werden. Wohlhabende Eigentümer:innen, Investor:innen und Aktionär:innen der fossilen Energiebranche sollen einen größeren Beitrag leisten. Die zusätzlichen Einnahmen könnten genutzt werden, um Menschen und Gemeinschaften zu unterstützen, die von der Klimakrise betroffen sind, sowohl im eigenen Land als auch im Ausland.
- Auf globaler Ebene: Sich aktiv für eine Steuer auf die weltweiten Gesamtgewinne internationaler Öl- und Gaskonzerne einsetzen. Dies soll im Rahmen des UN-Rahmenübereinkommens über die internationale Zusammenarbeit in Steuerfragen geschehen, auch bekannt als UN-Steuerkonvention. Die Einnahmen sollen direkt in multilaterale UN-Fonds fließen, die klimabedingte Verluste und Schäden abdecken sowie Maßnahmen zur Klimaanpassung und zum Klimaschutz finanzieren sollen. Gleichzeitig braucht es verbindliche Regeln, die verhindern, dass multinationale Konzerne ihre Gewinne in Steueroasen verschieben.


